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Prager Szene : Kafkas Grab

Bild: Picture-Alliance

Am Grab von Franz Kafka, dem Jahrhundertschriftsteller, hinterlassen Bewunderer immer noch Nachrichten an ihn. Und selbst das Hochhaus gegenüber sendet versteckte Botschaften.

          Spätestens vor dem Wegweiser zu „Dr. Franz Kafka“ am Rand des Friedhofsweges erkenne ich, dass dies eine andere Welt ist. Nicht die des literarischen Ruhms, sondern die der bürgerlichen Reputierlichkeit, in der akademische Titel noch etwas zählen. Der Neue Jüdische Friedhof im Prager Stadtteil Žižkov macht einem klar, dass es auch andere Kategorien gibt als die der Bücherleser. Das Feld der Grabstätten im Prager Osten ist riesig, es zieht sich an einer südöstlichen Ausfallstraße entlang und soll 25.000 Gräbern Platz bieten.

          Dr. Franz Kafka ruht nahe am Haupteingang, sechs Felder den Weg hinunter; selbst von der Straße aus kann man durch ein vergittertes Tor auf den Obelisken und das schlichte Rechteck mit einem Feld von Kieselsteinen blicken. An diesem kalten, nieseligen Tag rühren einen die Zeichen unauffälliger Aufmerksamkeit, die Besucher dagelassen haben: kleine Steine mit dem Namen von Liebespaaren darauf oder Botschaften wie „Danke, K.“. Ein Anhänger der „Verwandlung“ hat auf einen Kiesel „Gregor Samsa“ geschrieben und zwei lächelnde Schokoladenmarienkäfer danebengelegt, einen kleinen und einen großen: Liebevoll wird Kafkas Düsternis für einen Augenblick unterwandert.

          Eine Versicherungsanstalt

          Auch ein Plastikdrachen findet sich, neben Blumen, Grablichtern und halb unter Steinen verborgenen Zettelchen. Ich wage nicht, die Botschaften darunter hervorzuziehen, weil sie offenbar an ihn gerichtet sind, Franz Kafka, an den wir uns nicht aufgrund seiner beträchtlichen Leistungen in der „Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt“ erinnern, sondern wegen literarischer Texte, von denen zu seinen Lebzeiten keine fünfzehn Prozent im Druck erschienen. Auch Julie, die Mutter, und Hermann, der polternde Vater, ruhen bei ihm; beide haben ihren einzigen Sohn deutlich überlebt. Kafka starb 1924. Am Fuß des Grabsteins lehnt eine Gedenktafel, die an Elli, Valli und die Lieblingsschwester Ottla erinnert, die zwischen 1942 und 1943, fast eine ganze Generation später, in den Vernichtungslagern Chelmno beziehungsweise Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.

          Der Mann, der die furchterregende Erzählung „In der Strafkolonie“ schrieb, hat selbst glücklicherweise keine erlebt. Hier, im gesichtslosen Žižkov, wohin es wenige Touristen verschlägt, hat er seine Ruhe. Beim Gehen fällt mir ein fünfzehnstöckiger Neubau mit abgeschrägtem Buckel und unzähligen Fenstern auf, einen Steinwurf entfernt. Er nennt sich Crystal Prague und ist der letzte Schrei in Büroimmobilien. In der Lobby treffe ich den Mann, der für die Sicherheitstechnik zuständig ist, und da er gut gelaunt ist, führt er mich in die oberste Etage, in einen noch unvermieteten Büroraum von vierhundert Quadratmetern. Die Aussicht dort oben ist schön. Fast könnte man mit dem Blick das Grab des Versicherungsangestellten Dr. Franz Kafka suchen. Was denn die erste Firma gewesen sei, die im Crystal Räume bezogen habe? Der Mann von der Sicherheitstechnik muss nicht lange nachdenken. „Eine Versicherungsgesellschaft“, sagt er.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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