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Prag : Havels Abschied

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Letztes Geleit durch Prag für Václav Havel: Mit dem Katafalk, der einst für das Begräbnis von Tomás Masaryk verwendet worden war.

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          Havel auf die Burg!“ Mehr als zehntausend Prager haben am Mittwoch noch einmal die Parole der vorweihnachtlichen Revolution von 1989 wahrgemacht und sind ihrem ersten Präsidenten auf den Hradschin gefolgt, bei Nieselwetter in endloser Folge hinter dem Leichenwagen und der Witwe einherschreitend.

          Václav Havels letzte Ruhe vor der heutigen Totenmesse im Veitsdom wurde ihm im spätgotischen Vladislav-Saal der Burg bereitet. Hier defilierten im Halbdunkel Tausende am Sarg vorbei. Schon die Tage vorher hatten Menschenmengen klaglos bei Regen und Kälte an die zwei Stunden angestanden, um mit Blumen und Kerzen in Havels Stiftungssitz unten in der Altstadt ihr Idol ein letztes Mal zu grüßen.

          Die Kondolierenden sind nicht die Gewinner der Wende, gehören ersichtlich nicht zur neuen Elite. Schlicht gekleidet, ernst, manchmal mit einem Glühwein gegen die Kälte in der Hand, oft mit einer Rose - es sind die normalen Menschen, die dem Bürger Havel ihre Aufwartung machten. Viele waren 1989 höchstens Kleinkinder.

          „Václav - wir danken dir“, steht mit einfachem rotem Herz auf einem Transparent an der Salvatorkirche gegenüber der Karlsbrücke. Und auch vor dem Masaryk-Denkmal an der Burg haben Geschichtsbewusste Blumen und Ewige Lichter abgestellt, denn schon einmal, in Havels Geburtsjahr 1937, wurde die Beerdigung eines mythischen Präsidenten zur nationalen Demonstration der Tschechen. Nun nutzte man Masaryks Katafalk von damals zum ersten Mal wieder, um Havels Sarg in die Burg zu fahren. Bei einem von der Geschichte gebeutelten und darum besonders stolzen Volk wie den Tschechen ist das ein starkes Zeichen.

          Volksheld und Staatsmann

          Während der amtierende Präsident Václav Klaus die Hoffnung ausdrückt, mit diesem Tod möge der Geist von 1989 nicht aushauchen, deuten Freunde es als ironischen Treppenwitz im Sinne Havels, dass der alte Rivale Klaus nun das Staatsbegräbnis organisiert. Ein mitgenommener Karl Schwarzenberg bezeichnete es als Tragödie, wenn die Weggefährten aus Haft und Dissidenz nun keinen Ehrenplatz zwischen den Wulffs und Sarkozys bekommen sollten.

          Doch genau diese Doppelrolle als Volksheld und Staatsmann hatte der Verstorbene ja schon zu Lebzeiten aushalten müssen. Daher entdecken tschechische Kommentatoren bei diesem bewegenden, würdigen, zärtlichen Abschied auch Spurenelemente von absurdem Staatstheater. Havel, ganz Mann der Bühne, hätte sicher milde dazu gelächelt.

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