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Prachtmeile Karl-Marx-Allee : Fahrspuren der Geschichte

  • -Aktualisiert am

Kilometerlanges Asphaltband: die Karl-Marx-Allee Bild: Andreas Pein

Es wohnen nicht mehr nur Arbeiter und Bauern auf der Karl-Marx-Allee in Berlin. Aber der Weg vom sozialistischen Prachtboulevard zum metropolitanen Bürgersteig ist weit: Der Kapitalismus hat noch kein Konzept für die Straße gefunden.

          Als die Bauarbeiter durch die Stalinallee zogen, stand Rosemarie Rositzka an ihrem Wohnzimmerfenster im vierten Stock und machte sich Sorgen. Seit Wochen hatten sich Maurer und Zimmerer auf der Großbaustelle darüber beschwert, dass die Arbeitsnormen erhöht wurden. Das hatte Günter, ihr Mann, der dort als Ingenieur arbeitete, erzählt. Aber bislang waren die Arbeiter immer auf den Baustellen geblieben. Auf die Straße waren sie noch nie gegangen. An diesem Dienstagmorgen aber, dem 16. Juni 1953, bauten einige Zimmerer aus ein paar Holzlatten und einem großen Stoffbanner ein Transparent, auf das die Maler in großen Lettern „Wir Bauarbeiter fordern Normsenkung!“ schrieben. Dann marschierten die Arbeiter des Blocks 40, der schräg gegenüber von Frau Rositzkas Wohnung liegt, in Richtung Alexanderplatz. Es war der Beginn des Volksaufstandes, der am Tag darauf von sowjetischen Panzern niedergeschlagen wurde.

          Rosemarie Rositzka lebt noch immer in der Wohnung, von der aus sie die Arbeiter marschieren sah. Aber die Straße trägt heute nicht mehr den Namen Stalins, sie heißt Karl-Marx-Allee. Sonst hat sich wenig verändert, auf den ersten Blick. Auch in der Wohnung der Fünfundachtzigjährigen sieht es noch fast genauso aus wie damals. Irgendwann haben ihr Mann und sie die schwarze Schrankwand gegen eine braune ausgetauscht, und dort wo damals das Klavier stand, hängt nun ein selbstgestickter Wandteppich neben dem Fenster. Man könnte hier immer noch einen Film über das Leben in der DDR drehen.

          Am Horizont die Plattenbauten

          Hätte Rosemarie Rositzka keine Vorhänge, Henry Hennig könnte ihr ins Wohnzimmer schauen. Der Vierundfünzigjährige steht auf der Terrasse seines Penthouses auf dem Dach des gegenüberliegenden Blocks. Hennig gehört zur neuen Generation Mieter in der Straße. Seine Wohnung eignet sich eher als Kulisse für ein Musikvideo, besonders wegen der Aussicht. Im Westen funkelt der Fernsehturm am Alexanderplatz in der Sonne, im Osten sieht man die Kuppeltürme am Frankfurter Tor. Sie sind das Wahrzeichen der Karl-Marx-Allee, der Magistrale, die den Berliner Osten durchschneidet. Vom Alexanderplatz im Zentrum führt sie über den Strausberger Platz und das Frankfurter Tor Richtung Osten. Weit entfernt sieht man die Plattenbauten von Marzahn, so klein, dass es leichtfällt, sie zu übersehen.

          Kilometerlanges Asphaltband: die Karl-Marx-Allee Bilderstrecke

          Beugt man sich über die Brüstung von Hennigs Terrasse, sieht man unten den Verkehr vorbeirauschen. Drei Spuren in jede Richtung, neunzig Meter breit, ein kilometerlanges, schnurgerades Asphaltband. Ideal für Militärparaden. Die Allee sollte eine Vorzeigestraße sein, ein Prachtboulevard, dessen Glanz weit über die Zonengrenzen hinausstrahlt. Sie sollte dem Westen zeigen, dass im Sozialismus auch Arbeiter in Palästen wohnen können.

          Es gab sogar Müllschlucker

          Genau sieben Jahre nach einem der schwersten Luftangriffe auf Berlin hatte der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, am 3. Februar 1952 den Grundstein für den ersten Wohnblock „E-Süd“ gelegt. Ein nüchterner Name für einen Palast. Aber als Rosemarie Rositzka vor ihrem Einzug zum ersten Mal das Haus mit der Nummer 124 betrat, an den wuchtigen Steinsäulen im Treppenhaus vorbeiging und eine der möblierten Vorführwohnungen in der ersten Etage besichtigte, konnte sie sich keine schönere Wohnung vorstellen. Es gab Fernwärme-Heizungen, ein eigenes Bad in jeder Wohnung, einen Aufzug, Gegensprechanlagen und sogar Müllschlucker.

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