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Potsdamer Garnisonkirche : Deutschlands fragwürdigstes Rekonstruktionsprojekt

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Die Garnisonskirche in Potsdam auf einem Uhrbild von Carl Hasenpflug aus dem Jahr 1827 Bild: Picture-Alliance

Der Wiederaufbau der Garnisonkirche reißt Gräben in der Potsdamer Stadtgesellschaft auf. Das Vorgehen steht selbst in der Tradition einer Tabula-rasa-Haltung, deren zerstörerische Folgen es beheben will.

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          Trillerpfeifen, Beschimpfungen, Stinkbomben, Platzverweise von Störern – beim Festgottesdienst zum Beginn des Wiederaufbaus der Garnisonkirche Ende Oktober ging es kürzlich so militant zu, als sollte in Potsdams Zentrum ein Atomkraftwerk, eine Raketenabschussrampe oder ein Giftgaslager errichtet werden. Dabei könnte das Bauprojekt, wie seine Initiatoren versichern, friedlicher kaum sein. Im Turm der Garnisonkirche, der als erster Abschnitt der Rekonstruktion wiedererrichtet wird, soll ein Versöhnungszentrum entstehen, ein Ort kritischer Auseinandersetzung mit der Geschichte, von dem eine Friedensbotschaft ausgeht.

          Dass sich viele Potsdamer mit diesem Projekt nicht versöhnen wollen, liegt zum einen an der historischen Bürde des Baus. Die Garnisonkirche ist symbolisch dermaßen kontaminiert, dass die Vorstellung schwerfällt, durch inhaltliche Umprogrammierung des Wiederaufbaus könne Dekontamination gelingen oder gar eine positive Strahlkraft erreicht werden. Denn hier fand nicht nur der Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg nach der Reichstagseröffnung am 21. März 1933 statt, der als symbolischer Akt der Anerkennung der Nazis als Erben preußisch-militaristischer Tradition des Kaiserreichs in die Geschichte einging. Die im achtzehnten Jahrhundert für Militärangehörige und Hofbedienstete errichtete Kirche war schon lange vor dem berüchtigten „Tag von Potsdam“ ein Bollwerk antidemokratischer Kräfte gewesen. Wie der Journalist Matthias Grünzig unlängst in einem sorgfältig recherchierten Buch aufzeigen konnte, lockte der mächtige, mit martialischen Motiven geschmückte Barockbau nach dem Ersten Weltkrieg unterschiedlichste Organisationen vom rechten Spektrum, die in unzähligen Veranstaltungen den sie einenden Hass auf die Demokratie der Weimarer Republik kundtaten.

          Die DDR löschte diesen Erinnerungsort aus. Die Sprengung der nach Kriegszerstörung übriggebliebenen Ruine im Jahr 1968 wird in eine Reihe von ideologisch motivierten Zerstörungen prominenter Baudenkmäler durch das SED-Regime gestellt – von den Schlössern in Berlin und Potsdam bis zur Universitätskirche in Leipzig. Tatsächlich verlief die Entwicklung bis zur Sprengung aber ziemlich widersprüchlich. So hatte es lange Zeit mit Förderung staatlicher Stellen der DDR Wiederaufbaupläne gegeben, die allerdings bei der Kirche auf wenig Gegenliebe stießen. Zudem ist es keineswegs ausgemacht, dass ein derart belasteter Bau nicht auch in der alten Bundesrepublik als unliebsamer Geschichtsballast entsorgt worden wäre. Schließlich wurde im Nachkriegswestdeutschland mehr Denkmalsubstanz zerstört als in der DDR, denn der Modernisierungsfuror paarte sich hier mit ökonomischer Potenz. Dabei konnten auch ideologische Aversionen eine Rolle spielen, wie das Beispiel des 1960 abgerissenen Braunschweiger Schlosses zeigt.

          In Potsdam mit besonderem Fundamentalismus

          In beiden deutschen Staaten wurden Bauten haftbar gemacht für das, was in ihnen stattgefunden hatte. Heutigen denkmalpflegerischen Standards entspricht das nicht. Wegen ihres Zeugniswerts und aufklärerischen Potentials stehen gerade die unbequemen Baudenkmäler zumindest in den Fachdebatten hoch im Kurs.

          Aber soll man einen politisch so verseuchten Bau, dessen Fehlen im Stadtbild ein halbes Jahrhundert nach seiner Beseitigung kaum jemand als wirklich schmerzhaft empfinden dürfte, wiedererrichten? An der demokratischen Gesinnung der heutigen Initiatoren, mit Altbischof Wolfgang Huber als Galionsfigur, ist nicht zu zweifeln. Dies unterscheidet sie von den rechten Sektierern, die sich in den neunziger Jahren für den Wiederaufbau eingesetzt hatten. Und dennoch: Missverständnisse scheinen programmiert, fatale Signale drohen von dem Wiederaufbau auszugehen. Kein anderes prominentes Rekonstruktionsprojekt der letzten Jahrzehnte war geschichtspolitisch so heikel wie dieses.

          Doch das ist nicht der einzige Grund für die hohen Wellen, die der Wiederaufbau der Garnisonkirche schlägt. Ein anderer ist der wachsende Widerstand gegen ein auf Wiedergewinnung vormoderner Schönheit setzendes städtebauliches Leitbild, das in Potsdam mit besonderem Fundamentalismus verfolgt wird.

          Platz für Neubauten auf historischen Parzellen

          Als Deutschlands Hauptstadt der Rekonstruktionslust gilt das barockselige Dresden. Die Neubauten auf dem Areal rund um die wiedererrichtete Frauenkirche wurden großteils mit historisierenden Fassaden tapeziert, die von der Kritik als Retrokitsch belächelt oder als Geschichtsklitterung gebrandmarkt werden. Auch wenn man diese Architektur als Spießertraum empfinden mag, muss man allerdings anerkennen, dass anstelle der zugigen Weite aus der DDR-Zeit ein maßstäblicher, gefasster Stadtraum entstanden ist, der Dresden seine verlorene Mitte zurückgibt.

          Das gleiche Ziel wird in Potsdam verfolgt, allerdings mit weitaus brachialeren Mitteln. Denn während in Dresden letztlich eine ausgedehnte Kriegsbrache bebaut wurde, wird hier die von der DDR hinterlassene Stadt vom Kopf auf die Füße gestellt, um das Bild des von Barock und Klassizismus geprägten historischen Zentrums wiederherzustellen. Am Alten Markt wurde schon bald nach der Wende der bis 1989 fertiggestellte, voluminöse Rohbau des Theaters abgerissen. Für den 2014 vollendeten Wiederaufbau des 1960 gesprengten Stadtschlosses musste auch eine sechsspurige Straße verlegt werden, die den heutigen Sitz des Landtags vom historisch dazugehörigen Lustgarten abschnürt. Dort sollte nach dem Willen der Stadtverwaltung das Hotelhochhaus aus den sechziger Jahren planiert werden. Das Vorhaben wurde nach Bürgerprotesten vorerst auf Eis gelegt. Dafür rücken die Abrissbagger auf der anderen Seite des Landtagsschlosses an, um die Fachhochschule, einen zartgliedrigen Bau der DDR-Moderne, der nach heutigen Kriterien ein Denkmalschutzkandidat wäre, zu beseitigen und Platz für Neubauten auf historischen Parzellen zu machen. Und in einigen Jahren wird wohl das nach der Sprengung der Garnisonkirche errichtete Rechenzentrum der Rekonstruktion des Kirchenschiffs weichen müssen.

          In der Tradition einer Tabula-rasa-Haltung

          Die Sehnsucht nach dem vormodernen Stadtbild verdient auch und gerade in Potsdam Verständnis. Denn der Wiederaufbau des Zentrums in der DDR-Zeit war nicht nur unvollständig, sondern trotz einiger bemerkenswerter Einzelgebäude stadträumlich unbestreitbar missraten. Die Rückkehr zum historischen Stadtgrundriss weckt die Hoffnung auf Wiedergewinnung von Dichte und Urbanität, die den amorphen Freiräumen aus der DDR-Zeit abgingen.

          Aber mit behutsamer Stadtentwicklung, dem planerischen Ideal der Gegenwart, das aus den Fehlern der Nachkriegsjahrzehnte die Lehren zu ziehen versucht, hat das Vorgehen in Potsdam nicht viel zu tun, noch weniger mit der Idee der Ressourcenschonung. Es steht eher selbst in der Tradition einer Tabula-rasa-Haltung, deren zerstörerische Folgen es beheben will. Wohl in keiner anderen Stadt hat das Bauerbe der DDR-Moderne schlechtere Erhaltungschancen. Ein Großteil der Potsdamer, darunter nicht in erster Linie abgehängte DDR-Nostalgiker, sondern vor allem junge, gebildete Leute, fühlt sich diesem Erbe aber näher als nachgebauten Barockfassaden. Ein Bürgerbegehren für den Erhalt des Hotelhochhauses, der Fachhochschule und eines Wohnblocks aus der DDR-Zeit erbrachte fast 15.000 Unterschriften.

          Vordergründig immer ein Erfolg

          Für Unmut sorgen auch die sozialen Folgen der städtebaulichen Rosskur. Deren erklärtes Ziel ist die Wiederbelebung des Zentrums. Als jüngster Beitrag dazu wird der von Hasso Plattner finanzierte Wiederaufbau des Barberini-Palasts am Alten Markt angepriesen, in dem der SAP-Gründer seine Kunstsammlung zeigt. Aber was in der Stadt an Leben da ist, wird durch den Stadtumbau hinausgedrängt, etwa die Studenten der Fachhochschule, die mit dem Abriss ihren zentralen Standort verliert. Eine Schonfrist bekamen immerhin die Künstler, die vorerst das Rechenzentrum an der Baustelle des Garnisonkirchen-Turms weiternutzen dürfen. Dass die Stadt ihnen mittlerweile überraschend eine längerfristige Bleibeperspektive an einem anderen Standort im Zentrum eröffnet, mag Zeichen eines Umdenkens sein.

          Die Gegner des zum erheblichen Teil mit Steuergeldern finanzierten Wiederaufbaus der Garnisonkirche wird das aber kaum besänftigen. Für sie ist er ein fatales Symbol und zugleich Inbegriff einer obrigkeitlichen Vorstellung von Stadt, bei der nicht nur das DDR-Erbe, sondern auch ein Großteil der Bewohner auf der Strecke bleibt.

          Wird die Garnisonkirche einst rekonstruiert sein, werden sich die Proteste beruhigen. Denn Rekonstruktionen sind, das haben wir inzwischen gelernt, vordergründig immer ein Erfolg. Die Touristen werden sowieso kommen und mit ihnen wohl auch Potsdamer, die hier ihre Tanten aus dem Westen zum Kaffee ausführen. Man wird die Wiedergewinnung eines historischen Ortes feiern. Und dennoch wäre es besser, dieses eine Mal auf Rekonstruktion zu verzichten. Denn sie dürfte eher die Spaltung der Potsdamer Stadtgesellschaft vertiefen, als Versöhnung stiften.

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