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Potsdamer Garnisonkirche : Deutschlands fragwürdigstes Rekonstruktionsprojekt

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Das gleiche Ziel wird in Potsdam verfolgt, allerdings mit weitaus brachialeren Mitteln. Denn während in Dresden letztlich eine ausgedehnte Kriegsbrache bebaut wurde, wird hier die von der DDR hinterlassene Stadt vom Kopf auf die Füße gestellt, um das Bild des von Barock und Klassizismus geprägten historischen Zentrums wiederherzustellen. Am Alten Markt wurde schon bald nach der Wende der bis 1989 fertiggestellte, voluminöse Rohbau des Theaters abgerissen. Für den 2014 vollendeten Wiederaufbau des 1960 gesprengten Stadtschlosses musste auch eine sechsspurige Straße verlegt werden, die den heutigen Sitz des Landtags vom historisch dazugehörigen Lustgarten abschnürt. Dort sollte nach dem Willen der Stadtverwaltung das Hotelhochhaus aus den sechziger Jahren planiert werden. Das Vorhaben wurde nach Bürgerprotesten vorerst auf Eis gelegt. Dafür rücken die Abrissbagger auf der anderen Seite des Landtagsschlosses an, um die Fachhochschule, einen zartgliedrigen Bau der DDR-Moderne, der nach heutigen Kriterien ein Denkmalschutzkandidat wäre, zu beseitigen und Platz für Neubauten auf historischen Parzellen zu machen. Und in einigen Jahren wird wohl das nach der Sprengung der Garnisonkirche errichtete Rechenzentrum der Rekonstruktion des Kirchenschiffs weichen müssen.

In der Tradition einer Tabula-rasa-Haltung

Die Sehnsucht nach dem vormodernen Stadtbild verdient auch und gerade in Potsdam Verständnis. Denn der Wiederaufbau des Zentrums in der DDR-Zeit war nicht nur unvollständig, sondern trotz einiger bemerkenswerter Einzelgebäude stadträumlich unbestreitbar missraten. Die Rückkehr zum historischen Stadtgrundriss weckt die Hoffnung auf Wiedergewinnung von Dichte und Urbanität, die den amorphen Freiräumen aus der DDR-Zeit abgingen.

Aber mit behutsamer Stadtentwicklung, dem planerischen Ideal der Gegenwart, das aus den Fehlern der Nachkriegsjahrzehnte die Lehren zu ziehen versucht, hat das Vorgehen in Potsdam nicht viel zu tun, noch weniger mit der Idee der Ressourcenschonung. Es steht eher selbst in der Tradition einer Tabula-rasa-Haltung, deren zerstörerische Folgen es beheben will. Wohl in keiner anderen Stadt hat das Bauerbe der DDR-Moderne schlechtere Erhaltungschancen. Ein Großteil der Potsdamer, darunter nicht in erster Linie abgehängte DDR-Nostalgiker, sondern vor allem junge, gebildete Leute, fühlt sich diesem Erbe aber näher als nachgebauten Barockfassaden. Ein Bürgerbegehren für den Erhalt des Hotelhochhauses, der Fachhochschule und eines Wohnblocks aus der DDR-Zeit erbrachte fast 15.000 Unterschriften.

Vordergründig immer ein Erfolg

Für Unmut sorgen auch die sozialen Folgen der städtebaulichen Rosskur. Deren erklärtes Ziel ist die Wiederbelebung des Zentrums. Als jüngster Beitrag dazu wird der von Hasso Plattner finanzierte Wiederaufbau des Barberini-Palasts am Alten Markt angepriesen, in dem der SAP-Gründer seine Kunstsammlung zeigt. Aber was in der Stadt an Leben da ist, wird durch den Stadtumbau hinausgedrängt, etwa die Studenten der Fachhochschule, die mit dem Abriss ihren zentralen Standort verliert. Eine Schonfrist bekamen immerhin die Künstler, die vorerst das Rechenzentrum an der Baustelle des Garnisonkirchen-Turms weiternutzen dürfen. Dass die Stadt ihnen mittlerweile überraschend eine längerfristige Bleibeperspektive an einem anderen Standort im Zentrum eröffnet, mag Zeichen eines Umdenkens sein.

Die Gegner des zum erheblichen Teil mit Steuergeldern finanzierten Wiederaufbaus der Garnisonkirche wird das aber kaum besänftigen. Für sie ist er ein fatales Symbol und zugleich Inbegriff einer obrigkeitlichen Vorstellung von Stadt, bei der nicht nur das DDR-Erbe, sondern auch ein Großteil der Bewohner auf der Strecke bleibt.

Wird die Garnisonkirche einst rekonstruiert sein, werden sich die Proteste beruhigen. Denn Rekonstruktionen sind, das haben wir inzwischen gelernt, vordergründig immer ein Erfolg. Die Touristen werden sowieso kommen und mit ihnen wohl auch Potsdamer, die hier ihre Tanten aus dem Westen zum Kaffee ausführen. Man wird die Wiedergewinnung eines historischen Ortes feiern. Und dennoch wäre es besser, dieses eine Mal auf Rekonstruktion zu verzichten. Denn sie dürfte eher die Spaltung der Potsdamer Stadtgesellschaft vertiefen, als Versöhnung stiften.

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