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Pläne bei der Post : Denn sie wissen, was der Briefträger bringt

  • -Aktualisiert am

Was steckt wohl drin? Solange es nicht nur Rechnungen sind, gibt es Grund zur Vorfreude Bild: Sebastian Cunitz

Die Post will das Briefgeheimnis lüften, indem sie den Inhalt von Briefen als digitale Kopie vorab versendet. Und was wird aus einem der Überraschungsmomente des Tages?

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          Allein schon die Berührung des Briefes war, als hättest Du mich in Deine Arme genommen.“ Anaïs Nins postalische Zeilen an Henry Miller verraten nicht nur glühende Liebe, sondern beschreiben zugleich das besondere Gewicht von Briefen, das in Gramm nicht zu messen ist. Der Brief ist das Dingsymbol schlechthin, federleichter Überbringer von Nachrichten jedweder Art, die das Leben bereithält. Er kann größte Distanzen überwinden und bleibt dabei anders als sein digitaler Nachfahre stets greifbares Zeugnis seiner Geschichte. Einmal aus dem Briefkasten gefischt, lässt er sich in der Schublade verwahren, mit sich herumtragen – aber auch wegwerfen.

          Die Konsequenz freilich ist die eines jeden Originals: Unwiederbringlichkeit. Eine Wiederherstellung vom Server ist ausgeschlossen. Immer aber sind Briefe auch Zeugnis einer Trennung. Die Abwesenheit ist erst die Voraussetzung für die Wirkmacht des Briefs: Nähe herzustellen. Nicht selten geht diese einher mit Überraschung. Wüsste man, was der Briefträger bringt, Zeilen des Geliebten, den Mahnbescheid der Steuerbehörde oder Geld von der Tante, man wäre um ein Überraschungsmoment des Tages ärmer. Kurios mutet daher die jüngste Idee der Deutschen Post an: Sie sendet neuerdings auf Wunsch Fotos von Briefen vorab per E-Mail an den Empfänger. Derzeit werden nur die Umschläge abfotografiert. Vom nächsten Jahr an soll dann auch der Inhalt der Briefe als digitale Kopie vorab versendet werden. Das bizarre Vorhaben lüftet das sorgsam gehütete Briefgeheimnis. Gedacht mag der Dienst womöglich für Reisende sein, die auch in der Ferne wissen möchten, was sie zu Hause im Briefkasten erwartet.

          Dabei macht einen nicht nur der Hinweis stutzig, dass bereits heute täglich 55 Millionen Briefe abfotografiert und die Daten anschließend ausgewertet werden. Die Post freilich versichert, die Nutzer müssten sich um ihre Daten keine Sorgen machen. Aber was folgt daraus, wenn Post-Server Kenntnis davon haben, wer mit wem in welchem Kontakt steht, wessen Schreiben womöglich unbeantwortet bleiben – und wird da überhaupt zwischen Brief und Urkunde unterschieden? Denn streng genommen gilt nur ein Privatbrief als Brief. Ist der Verfasser hingegen eine Institution, wird das Schriftstück zur Akte oder Urkunde. Briefe (und Urkunden) sind nicht nur durch den Umschlag geschützt, sondern auch durch das Briefgeheimnis. Umso mehr fühlt man sich angesichts dieser Transparenzoffensive wie im Drehbuch einer Fortsetzung des DDR-Spionagefilms „Das Leben der Anderen“.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

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