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Popwunder Lana Del Rey : Heute ohne Gegenwart

Lana Del Rey sieht aus, als wäre sie direkt aus Nancy Sinatras Kleiderschrank in die Gegenwart gefallen Bild: Nicole Nodland

An diesem Freitag erscheint Lana Del Reys Popalbum „Born To Die“. Warum klingt es, als hätte gerade das Jahr 1962 begonnen? Ein Wutausbruch anlässlich eigentlich guter Musik.

          5 Min.

          Zu Lana Del Rey gibt es im Wesentlichen zwei Meinungen. Die einen feiern die amerikanische Sängerin als eines der größten Talente nach Amy Winehouse, Duffy und Adele und lieben den Retro-Stil und das Auftoupierte, Bombastische, Verchromte und Geigenumwogte ihrer Musik und ihrer Garderobe - und die anderen finden sie genau deswegen furchtbar. Der Streit beginnt schon mit dem Lied, das Lana Del Rey schlagartig weltbekannt machte, mit „Video Games“. Wenn man freundlich ist, muss man es eine melancholische Ballade nennen. Menschen, die es nicht mögen, finden, das Lied höre sich an wie ein musikgewordener Käsetoast, lauwarm und zäh; aber diese Menschen sind in der Minderheit.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn kommerziell gesehen, ist Lana Del Rey einer der spektakulärsten Erfolge der Popsaison. Auf Youtube wurde „Video Games“ innerhalb des ersten Monats mehr als eine Million Mal aufgerufen, schon viele Wochen vor dem Erscheinen ihres Debütalbums an diesem Freitag fand sich das Lied in den Top Ten.

          Was bedeutet dieser Erfolg? Die meisten ihrer Lieder klingen wie ein durch die Schleuse von Hiphop gepresster Sound der sechziger Jahre und handeln von Frauen, die ihren Männern bedingungslos ergeben sind (“you fit me better than my favorite sweater“, „You can be the boss“) und von Bad Girls, die mit Jungs um den Block fahren. Anders als die zweite große amerikanische Kunstfigur, Lady Gaga, mit ihren exzessiven Auftritten, bei denen Männer nur als verschreckte Hintergrundornamente und Futter eines neuartigen singenden Mischwesens aus Mensch, fleischfressender Pflanze, Architektur und Wahnsinn vorgesehen sind, bedient Lana Del Rey ein eher nostalgisches Rollenbild: Mann fährt schnelles Auto, Mann bricht in Bank ein; Frau sieht toll aus und schmachtet und schnurrt und wartet.

          Retro ist der Renner

          In ihren Videos, die oft in nostalgischer Super-8-Optik zusammengebastelt sind, sieht Lana Del Rey aus, als wäre sie direkt aus dem Kleiderschrank von Nancy Sinatra in die Gegenwart gefallen. Dabei fühlt sich diese Gegenwart schon seit fast einem Jahrzehnt so an, als wäre sie durch ein Zeitloch in die frühen sechziger Jahre zurückgestürzt, was ebenfalls seit Jahren von einer mauligen Kulturkritik so anhaltend wie erfolglos beanstandet wird.

          Das nächste große Pop-Ding: Lana Del Rey in Berlin
          Das nächste große Pop-Ding: Lana Del Rey in Berlin : Bild: dpa

          Lana Del Rey ist das neueste Erfolgsprodukt eines Phänomens, das die Dinge der Gegenwart überformt wie kein anderes: Retro begann vor etwa fünfzehn Jahren als ästhetische Subkultur in Magazinen wie „Wallpaper“, die plötzlich eine atemberaubende Schönheit in den bisher meistens nur als seelenlos bejammerten Betonarchitekturen und Möbeln der sechziger Jahre erkannten, und in der Mode mit einer Rückkehr zu den schmalen Schnitten dieser Zeit. Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, dass Retro längst keine campartige, subkulturelle Geschmacksentwicklung mehr ist, sondern das Ergebnis großangelegter Marktanalysen. Auch Lana Del Rey ist als Retro-Kunstfigur ein strategisches Produkt von Produzenten wie Guy Chambers und Eg White, der schon die Sängerinnen Adele und Duffy in die Charts brachte, und zwar immer mit der gleichen, aus dem musikalischen Baukasten der sechziger Jahre zusammengeschraubten Methode, nämlich mit Geigenhall, Steel Guitar, Hammondorgel und den pathetischen, bombastischen Orchesterwogen der Sinatra-Zeit.

          Ein Wunderheilmittel für das orientierungslose Amerika?

          Ja: Man muss ausgemacht hartherzig sein, wenn man Lana Del Reys Balladen nichts abgewinnen kann; sie hat eine spannende Art zu phrasieren (was manchmal bei Liveauftritten schiefgeht) und ein tolles hochtouriges Motown-Timbre in der Stimme. Aber ein Youtube-Video von den Premises, wo Lana Del Rey „Blue Jeans“ quasi a cappella zu einer sparsam dosierten E-Gitarre singt, zeigt, dass ihre Songs auch sehr gut ohne die aufgedonnerte Sixties-Deko auskommen.

          Warum also der Retrozauber? Die beliebteste und einfachste psychologisierende Erklärung lautet: In ökonomisch und politisch unsicheren Zeiten gibt es eine Sehnsucht nach Beschwörungen eines kraftstrotzenden, zukunftsgläubigen Amerika, das auf dem Weg zum Mond und nicht auf dem zum Bankrott war. Diese Theorie würde die amerikanische Begeisterung für Retro-Musclecars ebenso erklären wie das völlige Fehlen von Retro in China, Indien und anderen aufstrebenden Volkswirtschaften.

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