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Popwunder Lana Del Rey : Heute ohne Gegenwart

Aber was ist dagegen zu sagen, wenn jemand heute die Songs schreibt, die den Komponisten damals nicht eingefallen sind, und die Autos, die damals immer nicht ansprangen, noch einmal mit Airbags und zuverlässigen Motoren baut? Schon in der Vergangenheit brachten Krisenphasen immer auch Retrobewegungen hervor, als etwa nach der Ölkrise 1974 die Verfilmung des „Großen Gatsby“ ein modisches Revival der zwanziger Jahre lostrat. Mode wie Pop sind seit jeher ästhetische Remixmaschinen. Das Problem ist nicht, dass es Retro gibt; das Problem ist, dass es nur noch Retro gibt. Es gibt immer wieder bemerkenswerte Einzelinnovationen, aber keine neuen musikalischen Massenbewegungen mehr, die, wie es zuletzt bei Techno oder Grunge der Fall war, die Lebensgewohnheiten, das Lebensgefühl eines ganzen Milieus, das Betrachten der Dinge und die Erfassung der Welt grundlegend verändern.

Die Ästhetik des politisch Gescheiterten

Doch auch die Leute, die nicht mit dem Manufactum-Spaten, sondern mit dem Nierentisch auf die Apologeten absoluter Gegenwart losgehen, übersehen, dass mit einer bestimmten Form von Retro nicht nur der Glamour, sondern auch der Muff dieser Zeit mit durch die Tür weht. Die Frau, die aus den meisten Songs von Lana Del Rey spricht, erinnert an die Frauen der Serie „Mad Men“; es ist die Frau, die, adrett bekleidet, auf dem Beifahrersitz oder im Vorortbungalow auf den scharf gescheitelten Traummann wartet. Retro ist aber auch dort, wo es sich nicht auf alte, repressive Sicherheiten, sondern auf utopiefreudige Aufbruchsphantasien bezieht, eine Abwehrreaktion: ein dem aktuellen ökonomischen und ökologischen Vernunftgebot entgegenstehender Romantizismus der Verschwendung, ein Rettungsanker in die Zeit, in der Autos, wenn sie nur schön waren und gut klangen, gern dreißig Liter verbrauchten, und Panton-Stühle, wenn sie nur extraterrestrisch genug glänzten und schwebten, gern aus hochgiftigem Plastik sein durften. Retro ist repressive Entsublimierung, ein Traum von Rausch und Exzess in einer Zeit, die weiß, dass beides ökonomisch wie ökologisch nicht mehr vertretbar ist.

Es gibt zwei Formen von Retro: Die eine sucht in den Formen der Vergangenheit Sicherheit und den Zauber eines längst verblichenen Glanzes, die andere den verschollenen Werkzeugkasten des Aufbruchs. Retro ist meistens melancholisch. In Retro überlebt ästhetisch, was politisch aufgegeben wurde: Die Euphorie eines Aufbruchs, der Glaube an die Möglichkeit eines Wandels, an Zukunft.

Innovationen manifestieren sich heute nicht mehr vorrangig in Objekten; das Internetzeitalter hat nicht viel mehr als das Smartphone und das iPad als mythologische Objekte der Gegenwart hervorgebracht, entsprechend kultisch werden sie verehrt - vielleicht auch, weil bei ihrer Berührung ein Gefühl dafür entsteht, heute und nicht vor zehn Jahren zu leben. Aber warum entsteht dieses Gefühl für heute nur im Umgang mit multimedialen Konsumobjekten, statt auch in neuen Formen, mögliche Gegenwart zu beschreiben und zu denken, zu entwickeln?

Über die Vergangenheit die Gegenwart erschließen

Das Deprimierende am Retro in Musik, Design und Architektur ist der matte, verbastelte Hommagencharakter. Das Retro-Ding ist ein verquollener Zombie: Der New Beetle kann nicht so fein aussehen wie der alte Käfer, weil er noch Airbags und Knautschzonen unterbringen muss. Der Glamour eines alten Mustang findet sich im neuen nicht - weil dieser Glamour in der Detailverliebtheit bei der Gestaltung, in der hingebungsvollen Verschwendung von Chrom und Metall liegt. Aus Kostengründen ist das heute nicht mehr möglich, deswegen gibt es nur graues Plastik. Das Retro-Ding ist ein Bluff: Es gaukelt die Wiederkehr eines alten Glamours vor, den es aber nicht bezahlen will oder kann. Es spielt das vor, was es nicht mehr sein kann.

Eigentlich ist es eine gute Zeit für neue Formen: Es gibt, nach einem Jahrzehnt der Selbstmusealisierung, vielleicht auch den Wunsch zu sehen, wie Gegenwart sich jenseits von iPads und Smartphones anhören und anfühlen könnte. Es gibt neue Techniken, neue Materialien, eine neue Art, Dinge zu denken. Wie man daraus ein Objekt destilliert, hat im Kleinen der Designer Konstantin Grcic mit seiner Lampe Mayday und seinem Chair One gezeigt. Es gibt, siehe Lana Del Rey, tolle neue Stimmen. Es wäre bloß schön, wenn man sie nicht immer, immer nur den alten Kram nachsingen ließe.

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