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Popmusik : Abkehr vom Größenwahn: Oasis auf dem Weg zu alter Stärke

  • -Aktualisiert am

Die besseren Oasis Bild: Sony Music

Saufgelage, Drogenexzesse, Reibereien - all das soll der Vergangenheit angehören. Zumindest musikalisch haben Oasis wieder auf die richtige Spur gefunden.

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          „Ich liebe diese Platte“, hörte man Oasis-Gitarrist Noel Gallagher über deren neues, fünftes Album sagen, „es ist schlicht und ergreifend eine bessere Sammlung von Songs als die vergangenen beiden Alben“. Hier, um das gleich vorweg zu sagen, kann man dem redseligen Songwriter getrost zustimmen. „Heathen Chemistry“ ist ein ordentliches Oasis-Album geworden.

          Zwischen lärmendem Feedback und leisen Akustikgitarren gibt es nach langer Zeit wieder mal ergreifende Melodiebögen. Wäre da nicht diese unverkennbare Stimme Liam Gallaghers, die die alten Heldentaten in Sekundenschnelle wachruft: „Live Forever“, „Slide Away“, „Don't Look Back In Anger“ - allesamt Songs von ihren ersten beiden Überflieger-Werken, die Bruder Noel wohl nicht ohne Grund der vergleichenden Album-Bewertung entzieht.

          Reflexion des Größenwahns

          Es gab Zeiten, da stellte das Erscheinen eines Oasis-Albums ein mediales Ereignis ungeheuren Ausmaßes dar, einem Ehrentag der königlichen Familie weit überlegen. Etwa 1997, zwei Jahre nach dem Welterfolg „(What's The Story) Morning Glory?“ und ein Jahr nach dem legendären Knebworth-Auftritt, der mit 250.000 Zuschauern zum größten Rock'n'Roll-Happening Europas avancierte. 1997, in diesem Jahr erschien das dritte Album „Be Here Now“. Ein Wendepunkt.

          Oasis: „Heathen Chemistry” (Cover)

          Dass Oasis die beste Band der Welt ist, dachten bis zu diesem Zeitpunkt noch weit mehr Menschen als nur die fünf Mitglieder der Band. Doch das Werk, das als Momentaufnahme unumstürzlicher Songwriter-Kunst reüssieren sollte, lieferte stattdessen eine punktgenaue Reflexion des fortgeschrittenen Gallagherschen Größenwahns, der aus jeder Achtelnote schielte. Dazu gesellte sich ein Coverfoto, auf dem ein Rolls Royce im Swimming Pool versenkt wurde, eine Reverenz an eine Geburtstagsfeier des Who-Drummers Keith Moon, der in dieser Sache als Ideengeber fungiert. Genau jenes Rolls-Modell fuhr außerdem ein gewisser John Lennon aus Liverpool in den späten 60ern, und das sichtbare Autokennzeichen wurde dem berühmten „Abbey Road“-Cover entliehen. Eine ikonografische Absturz-Party.

          Mainstream-Rock'n'Roll, bombastisch light

          Das Cover von „Heathen Chemistry“ betont dagegen die Unscheinbarkeit. Es zeigt - lomografisch verzerrt - fünf dunkel gekleidete Typen in mausgrauer, tunnelartiger Umgebung. Ein Mitglied wendet sich gar ab. Neues Understatement der Pub-Proleten? Zumindest ließ Teamchef Noel erstmals zu, dass Bruder Liam gleich mit drei Songs vertreten ist, selbst die als Mietmusiker belächelten Archer und Bell durften je ein Stück beisteuern.

          Demokratie hin oder her, Noel gibt weiter den Ton an. Die Vorabsingle „The Hindu Times“ bringt all das mit, was Oasis einst berühmt machte: ein zeterndes Riff, eine beschwörende Hookline und ein unheimlich eingängiger Refrain-Abgang. Mainstream-Rock'n'Roll, bombastisch light. Mit dem von Noel gesungenen „Force Of Nature“ folgt das nächste Highlight auf dem Fuß, ein einnehmender 70er-Jahre-Bar-Rocker, und „Little By Little“, die so genannte Hymne des Albums, sollte von allen grölverliebten Oasis-Fans goutiert werden.

          Wieder erwachtes Potenzial

          Gefällige Akkordfolgen kommen von Gitarrist Gem Archer, der den neuen Kollegen mit „Hung In A Bad Place“ eine Art Vergangenheitsbewältigung der wilden Zeiten komponiert hat. Liams ruhiges und durchaus gelungenes „Born On A Different Cloud“ versucht, an der Seite von George Harrisons bereits geschlossenem Back Catalogue zu glänzen, während das psychedelisch gedachte „Better Man“ nicht überzeugt.

          Vielmehr drängt sich hier die Frage auf, ob die Amerikaner vom Black Rebel Motorcycle Club nicht mittlerweile die besseren Oasis sind. Und doch verstellen unverschämte Selbstkopien wie die aktuelle Single-Ballade „Stop Crying Your Heart Out“ das wieder erwachte Potenzial, mit dem die einstige Britpop-Institution ihre Wunden leckt.

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