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Popkomm : Flautenspieler

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Seit Jahren ist die Popkomm der Ort, an dem die Krise der Musikindustrie mit immer neuen Zahlen belegt wird. Dabei täte Besinnung not: auf einen Kulturauftrag, der die Hörer weder unterschätzt noch einschüchtert.

          Am Anfang war das Grammophon: "Es handelte sich um eine Vermehrung der Unterhaltungsgeräte des Hauptgesellschaftsraumes, aus nie rastender Fürsorge ersonnen und beschlossen im Verwaltungsgremium des Hauses". Das allgemeine Zerstreuungsbedürfnis im Sanatorium "Berghof" erzwingt diese Neuerung, von der freilich allein der Held in Thomas Manns "Zauberberg" den richtigen, rückhaltlosen Gebrauch macht. Hans Castorp reißt die Kontrolle über das Gerät sofort an sich, das doch für alle Patienten da ist: "Öffentliches Gut? Schlaffe Neugier hat weder Recht noch Kraft zu besitzen." Der Leidenschaftliche kann keine Rücksicht nehmen auf ein Kollektiv, dessen Bedürfnisse lau und indifferent sind: "Was hätten auch die anderen gemacht? Sie hätten die Platten geschändet, indem sie sie mit abgenutzten Nadeln bearbeiteten, hätten sie offen auf Stühlen herumliegen lassen, mit dem Apparat stumpfen Jux getrieben".

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Diese elitäre Auffassung von Musik zielt auf eine Rezeption, die mit dumpfen Gruppenerlebnissen nichts zu tun hat. Ruhe und Konzentration sind erforderlich, wenn es um Intensität geht und nicht um Mitteilsamkeit. Schlaffe Neugier, die auf Zerstreuung und nicht auf Vertiefung aus ist, hat auch in der Popmusik weder das Recht noch die Kraft zu besitzen. Der Kritiker Greil Marcus schrieb vor zwanzig Jahren über die Synthesizermusik: "Nie zuvor war ein Popphänomen so vollständig in der Lust an Geistlosigkeit oder dem Thrill der Kapitulation verwurzelt." Damals hatten die großen Alben noch nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt. Sie setzten, wie Michael Jacksons "Thriller" mit vierzig Millionen verkauften Exemplaren, kommerzielle, aber auch ästhetische Maßstäbe und ließen den Fetischcharakter, den das Popalbum seit Mitte der sechziger Jahre hatte, unangetastet.

          Kein Blick für wirkliche Talente

          Die großen Firmen geben sich neuerdings Mühe, das Interesse daran wieder zu wecken. Mit aufwendigen CD-Hüllen geben sie zu erkennen, daß sie das haptische Bedürfnis der Hörer doch nicht ganz aus den Augen verloren haben. Aber das Album kann sich nur noch in einer Kampagne behaupten, die bloß am Rande mit Musik zu tun hat. EMI hätte vom jüngsten Album des Herbert Grönemeyer vermutlich kaum drei Millionen Exemplare verkauft, wäre dessen privates Schicksal in den Medien nicht derartig aufbereitet worden. Nicht zufällig wird unter den fünf großen Konzernen Universal, AOL Time Warner, Sony, Bertelsmann Music Group (BMG) und EMI am Jahresende vermutlich nur die BMG Deutschland mit einem zufriedenstellenden Ergebnis dastehen - die Sendung "Deutschland sucht den Superstar" machte es möglich.

          Udo Lange, Chef von EMI Deutschland, sieht damit das wahre Talent verschüttet: "Ich würde mir wünschen, dass nur ein kleiner Teil der medialen Aufmerksamkeit, die derzeit ein paar Fernsehserien mit anschließender CD-Veröffentlichung erfahren, auf die wirklichen Talente in Deutschland gelegt würde. Meiner Meinung nach haben unsere Talente zu wenig Chancen, wirklich nach oben zu kommen, und das führt dazu, dass insgesamt zu wenig gute Musik in Deutschland produziert wird." Am Talent liegt es also nicht.

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