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Ralph Towner wird 80 : Zwischen Wien und Woodstock

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Ein-Mann-Orchester: Ralph Towner an der Gitarre Bild: Imago

Einflussangst, wie die Literatur sie kennt, ist ihm fremd: Ralph Towner schöpft aus den Tiefen der Musikgeschichte und ersetzt als Solo-Gitarrist ein ganzes Ensemble. Nun wird er achtzig.

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          Er studierte Klavier, Komposition und klassische Gitarre – aber seine Karriere begann mit Folkmusik. 1969 begleitete Ralph Towner beim Woodstock-Festival den Sänger Tim Hardin, und im weitesten Sinne war vielleicht auch das Avantgarde-Projekt seiner Gruppe Oregon noch dem Folk zuzurechnen. Einem Welt-Folk freilich, in dem zum Beispiel indische Sitar und indianische Regentänze sich mit freier Improvisation verbinden. „Einflussangst“, wie die Literatur sie kennt, haben Ralph Towner und seine Mitmusiker bei Oregon wohl nie gekannt, vielmehr die „Joyful Departure“ (so einer der bekanntesten Stücktitel) in alle Richtungen der Musik. Während bei der bis heute in wechselnder Besetzung aktiven Gruppe sich ein gewisses Zuviel an Instrumentierung herrscht, kommt in Ralph Towners Werk als Gitarrist der Reichtum an Ideen und Einflüssen klarer zur Geltung.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Als Solokünstler pflegt Towner die markant unverstellte, jegliche Klangeffekte strikt verbietende Abnahme seiner Saiteninstrumente, die Raum für feinste Nuancen, Obertöne und Spielgeräusche lässt: ein Markenzeichen, das sich auch seinem heutigen Hauslabel ECM mit verdankt. Das Album „Anthem“ (2001) zeigt Towner auf der Höhe seines Könnens an der Konzert- wie an der zwölfsaitigen Gitarre. Ständig läuft in seinen Kompositionen ein feiner Subtext stilistischer Anleihen mit, die von der Renaissancemusik bis zum Flamenco reichen; bei „Solitary Woman“ etwa spukt stellenweise auch der Geist von Bachs Toccata in d-Moll herum.

          Zudem erweist sich Towner als gewitzter Erdenker und Arrangeur regelrechter Programm-Musik wie bei seinen vier Kurzstücken „Four Comets“. Diese Gitarrenkometen stammen aus ganz verschiedenen Sphären, die einem teils vertraut, teils spanisch, und manchmal auch wahrhaft extraterrestrisch vorkommen können – ganz so wie Towners Spielweise überhaupt.

          Dass der Komponist und Interpret, der auch mit dem Synthesizer experimentierte, aber immer zur Gitarre zurückfand, sich nicht scheut, seinen ohnehin schon kombinatorischen und teils auch aleatorischen Stil mit außergewöhnlichen Duettpartnern zu potenzieren, hat er bereits verschiedentlich bewiesen – etwa mit dem Kontrabassisten Gary Peacock oder mit den Glockenklängen von Gary Burtons Vibraharp. Mit dem Trompeter und Flügelhornisten Paolo Fresu hat Towner auch Möglichkeiten der Sakralmusik ausgelotet.

          Auf seinem jüngsten Album „My Foolish Heart“ (2017) ordnet der Mann, der im ländlichen Washington State geboren wurde, zunächst in Portland studierte (daher der Bandname Oregon) und später in Wien, der dann musikalisch und auch leibhaftig weit gereist ist und seit längerer Zeit in Italien lebt, sich demütig in die Jazz-Tradition ein, die er längst selbst mit geprägt hat: Das Titelstück ist eines der meistinterpretierten Standards, Towner hat es zuerst in der Version von Bill Evans am Klavier gehört und wurde davon früh inspiriert; er kann allerdings mit den Möglichkeiten der Gitarre (Vibrato, leichtes Bending, Flageolett-Töne) den wie Gedankenfetzen hingestellten Melodiephrasen des Liedes noch viel mehr Emotion abgewinnen, als dies je ein mechanisches Instrument könnte.

          Mit Kompositionen wie „Dolomiti Dance“ demonstriert er lebhaft, dass auch seine Folkphase weiter andauert und zudem, warum man ihn häufig als Ein-Mann-Orchester beschrieben hat. Der Oboist Paul McCandless, mit dem Towner schon seit langem gemeinsam musiziert, hat s einmal so ausgedrückt: „Man hört den Bass, man hört die Akkorde, man hört die Melodie. Die Illusion entsteht, dass ein ganzes Ensemble spielt – eine ganze Welt, die er nur mit der Gitarre erschafft.“

          Am 1. März wird Ralph Towner, dessen Kompositionen die Astronauten der Apollo-15-Mission laut einer beliebten Anekdote im Walkman auf ihrer Reise zum Mond gehört haben und dort zwei Krater nach „Icarus“ und „Ghost Beads“ benannt haben, achtzig Jahre alt.

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