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Er besang Blumen wie Bienen und gab uns Zucker: Tom Petty während der Aufnahmen für „Wildflowers“. Bild: Mark Seliger

Mike Campbell über Tom Petty : Zwei Leben für den Rock’n’Roll

  • -Aktualisiert am

Tom Petty wäre jetzt siebzig geworden. Sein Gitarrist Mike Campbell macht mit eigener Band weiter und erklärt, wie es in der jüngst archivarisch erschlossenen „Wildflowers“-Phase und auch sonst war, mit ihm zu arbeiten, und warum der alte Chef auch ohne Ironie zu ertragen war.

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          Die Assistentin Marek Lieberbergs, des legendären Konzertimpresarios, war am Apparat: Ob ich Tom Petty interviewen wolle? Mir rutschte das Herz in die Hose. „Äh, wann denn?“, fragte ich, um Zeit zu gewinnen. Und das war wahrscheinlich schon der entscheidende Fehler: so zu tun, als hinge es vom eigenen Terminkalender ab (den ich in der Form gar nicht habe) und nicht von dem Tom Pettys. „Diesen Freitag“, sagte Lieberbergs Assistentin. Ach du Sch..., das war ja mein Hochzeitstag und auch noch der zehnte! Doch das behielt ich für mich. „Das muss ich erst klären.“ Geraschel war zu hören, plötzlich eine andere Stimme: „Sagen Sie mal, soll Tom Petty etwa aus Malibu zu Ihnen nach Heidelberg kommen?“

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Das war nun Marek Lieberberg persönlich. Ich musste an Loriot denken: „Herr Ober, können wir Ihnen vielleicht etwas bringen?“ Die Idee gefiel mir. Bei der Gelegenheit könnte ich dem Verehrten dann zeigen, dass ich noch alle Tom-Petty-Platten im Schrank hatte. Das würde ihn milde stimmen; denn es war bekannt, dass er für Leute, die ihn bloß ausfragen wollten, kein allzu angenehmer Gesprächspartner war. „Also, wenn das ginge?“ Diese kokette Ironie verfing nicht, Lieberberg blieb sachlich: „Sie müssen natürlich nach Los Angeles, zu Tom Petty nach Hause. Kosten werden übernommen.“

          Ich überlegte: Würde meine Frau mir das verzeihen? Ich sah mich schon in Verhandlungen: Ich weiß, ausgerechnet am zehnten, aber Tom Petty ist einer der Größten, und er gibt so gut wie keine Interviews, jedenfalls nicht deutschen Zeitungen. Das hast du bei Bob Dylan und bei Neil Young auch schon gesagt, würde meine Frau ganz richtig kontern. Na ja, du musst wissen, was dir wichtig ist. Es würde, so viel stand jetzt schon fest, auf eine eheliche Verstimmung hinauslaufen, und deswegen – sagte ich sicherheitshalber ab. Ich sagte ein Interview mit Tom Petty ab: „Äh, es ist nämlich so“, stotterte ich, „meine Frau und ich haben an dem Tag Hochzeitstag, den zehnten.“ Ich könne mir, kam es vom anderen Ende ziemlich frostig, das noch überlegen, bis zum Abend müsse man Bescheid haben. Lieberberg hängte ein.

          Das war vor bald zehn Jahren. Tja, so ist das, wenn man sein Leben dem Rock’n’Roll widmet; Cameron Crowe ist nichts dagegen. Von Tom Petty habe ich nie wieder etwas gehört beziehungsweise gehört schon, es kam dann ja noch ein Studioalbum, und die Deutschland-Konzerte nach dem, nun ja, nicht zustande gekommenen Interview waren eine Offenbarung. Aber getroffen haben wir uns nie. Ob Lieberberg ihm überhaupt die Wahrheit gesagt hat? Vor drei Jahren ist er, der in diesen Tagen siebzig geworden wäre, einfach gestorben.

          Das Erste, was mich bei dieser Nachricht durchfuhr, war, neben einem heftigen Schmerz, der Gedanke: Und du Idiot hast ihn nicht interviewt! Heute denke ich, es hat vielleicht auch sein Gutes, dass es so gekommen ist – man behält den Meister so in Erinnerung, wie man ihn nie erlebt hat. Was hätte es auch gebracht, sich von einem unrasierten Musiker in Jeans und Holzfällerhemd, der wahrscheinlich eine Haschzigarette nach der anderen rauchte („Let’s get to the point, let’s roll another joint“), durch seine mit Gitarren und Goldenen Schallplatten vollgehängten Räumlichkeiten führen zu lassen? Womöglich hätte ich ihn auch gar nicht richtig verstanden und dauernd nachfragen müssen, seinen Florida-Akzent soll er auch in vierzig Jahren Kalifornien nicht abgelegt haben. Und schließlich: Rockmusik spielt sich eben hauptsächlich auf dem Plattenteller ab, alles andere ist Feuilleton. Rockjournalismus: Das ist, wenn Leute, die nicht schreiben können, mit Leuten reden, die nichts zu sagen haben – vielleicht hatte Frank Zappa ja recht.

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