https://www.faz.net/-gqz-a0joa

Neues von den Liedermachern : Zur Seite gehen, das Glück sehen

  • -Aktualisiert am

„Puste am offenen Fenster / Seifenblasen vor mich hin“: Reinhard Mey Bild: Daniel Pilar

Reinhard Mey trinkt auf seinem Spätwerk-Album „Das Haus an der Ampel“ aus dem goldenen Becher der Erinnerung. Und stellt fest: Wir sind nur Gäste im Hotel zum ewigen Gang der Gezeiten.

          3 Min.

          Jemand ist weg, aber etwas von ihm ist noch da: Das ist das Grundmotiv mancher schöner Songs von Reinhard Mey. Es kann zum Beispiel ein Röhrchen für Seifenblasen sein: „Sie schenkte es mir irgendwann mal aus Jux. / Jetzt stehe ich Narr, der ich bin / Und puste am offenen Fenster / Seifenblasen vor mich hin.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das war 1971. Es klang nach junger Liebe, und zudem war in dem Lied die Rede von einem „Knacks in meinem Sinn“, jenem Knacks, der wohl immer nötig ist, um aus der Liebe ein Lied zu machen. Mehr als fünfzig Jahre sind vergangen. Es sind Knackse hinzugekommen. Die Liebe ist alt geworden, aber immer noch stark – wie vor Jahr und Tag. „An klaren Tagen kann ich bis zum Glück sehen. Ich muss nur ein wenig zur Seite gehen.“ Der hier singt, blickt auf die Landschaft seines Lebens zurück: „Nichts ist verborgen, nichts ist geschönt, keine Rechnung offen, mit allen versöhnt.“ Wirklich glücklich, wer das sagen kann – „Was will ich mehr“ heißt dann auch das Lied. Es klingt nach Erfüllung. Aber es hat einen Widerhaken: Der Akkord unter der Refrain-Frage ist in moll. Irgendein „mehr“ muss es doch immer noch zu wollen geben. Und zwar: „Ich will an einem klaren Tage / Im Goldenen Hahn noch ein Gelage / Mit Wein und Schmaus und Saitenspiel / Und Mutter soll sagen: Junge, trink nicht so viel!“ Da kann man mit Compton Mackenzie nur sagen: „Oh doctor, what a wonderful dream.“

          Das Zauberwort des Spätwerks

          Aber das ist noch nicht alles. Oliver Twist has asked for more. Und zwar: „Will schiffbrüchig in deinen Armen versinken / ein König in Thule noch Lebensglut trinken / Den Becher leer’n, wenn die Dämmerung fällt / Im Einklang mit dir und mit Gott und der Welt.“ Damit hat Reinhard Mey das Zauberwort des Spätwerks ausgesprochen: Dämmerung. Die Kollegen Dylan und Cohen lassen grüßen, viel Mythologie hängt an dieser Dämmerung und lange werkgeschichtliche Vorbereitung darauf. So auch bei Mey: Er, der auf seinem ersten deutschsprachigen Studioalbum „wie Orpheus singen“ wollte, sieht sich nunmehr als König in Thule. Also als jener König aus Goethes Ballade, dem seine Geliebte nichts als einen goldenen Becher hinterlassen hat. „Die Augen gingen ihm über / So oft er trank daraus“, heißt es bei Goethe. Und genau das ist das passende Bild, in dem alle Lieder auf Meys nun erschienenem Spätwerk-Album zusammenfinden. Aus dem Seifenblasenröhrchen ist der goldene Becher der Erinnerung geworden. Und sooft er trinkt, gehen dem Sänger die Augen über, dann auch der Mund.

          „Das Haus an der Ampel“ heißt dieses jüngst erschienene Album. Das ist ein schöner, schlichter Titel. Er hat einen ganz konkreten Bezug auf Meys Elternhaus in Berlin-Reinickendorf, aber er klingt auch schon irgendwie mythologisch. Wenn die reale Ampel auf Rot steht und die Autos hinter dem Sänger schon hupen, ist die Erinnerungsampel grün. Da steht ein Glas Pulverkaffee auf dem Küchentisch, „mit Tauchsieder, vorsintflutlich“. Mutter trinkt diesen Kaffee, Vater dreht am Röhrenradio und „dirigiert seinen Mozart“. Vor dem Haus auf der Schaukel der kleine Fred: träumt vom Fliegen.

          Der Sänger schreitet – oder fährt – Stationen seines Lebens noch einmal ab, dabei auch manches aus alten Liedern Bekannte streifend: „Häng dein Herz nicht an einen Hund“, ist die altersweise Antwort auf „Es gibt Tage, da wünscht ich, ich wär mein Hund“. „Glück ist, wenn du Freunde hast“: Das müssen dann wohl die sein, mit denen er schon vor langer Zeit ein letztes Glas im Stehen trank? „In Wien“ heißt ein schönes Unterwegslied, das an Meys Gefühl erinnert, den Durchbruch geschafft zu haben, „damals in Wien“, in einem Hotelzimmer mit eigenem Föhn und einem Radio, aus dem, so will es die Legende, beim Anschalten eines seiner eigenen Lieder ertönte.

          Die neuen Lieder präsentiert Mey in zwei Versionen: mit Band oder nur mit Gitarre und Gesang als „Skizzenbuch“ – eine schöne Idee, bei der jeder findet, was ihm besser gefällt. Das vielleicht stärkste neue Lied heißt „Im Hotel zum ewigen Gang der Gezeiten“. Es ist, könnte man sagen, Reinhard Meys Variante von „Hotel California“, ein mythischer Zwischenort, an dem Winde über die Flure gehen. Einer davon flüstert schon: „Du bist der Nächste.“ Auf solche Schwermut folgt aber auch wieder Leichtigkeit, und sei es nur die von „Menschen, die Eis essen“. Was machen die? Sie „vergessen das Windelnnässen“.

          Um Kinder geht es noch viel und darum, was es heißt, ein Kind zu verlieren. Reinhard Mey, nahezu achtzig, stellt fest: „Du magst ein noch so altes Kind geworden sein / Wenn die Dämmerung kommt, bist du wieder allein.“ Mit Bob Dylan entgegnen wir: „It’s not dark yet.“ Komm, schenk mein Glas noch einmal ein.

          Weitere Themen

          Wie man Wunder verpasst

          Alanis Morissettes Comeback : Wie man Wunder verpasst

          Nach Jahren erscheint ein neues Album von Morissette: „Such Pretty Forks in the Road“. Ihre Chuzpe ist wieder da, aber an der Musik stimmt etwas nicht. Sie klingt, als hätten die Produzenten von Andreas Bourani mitgemischt.

          Topmeldungen

          Gotthard-Route : Die Bahn flach halten

          Kühne Gebirgsbahnen sind ein Markenzeichen der Schweiz. Nun aber sind die Eidgenossen stolz auf die Fertigstellung der „Flachlandbahn“ auf der Gotthard-Route. Und Deutschland blamiert sich weiter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.