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Zum Tode von Alvin Lee : Lieben wie ein Mann

  • -Aktualisiert am

Die Entdeckung der Schnelligkeit: Alvin Lee an der Gitarre Bild: Redferns/Getty

Er galt einmal als der schnellste Gitarrist der Welt - beim Festival in Woodstock 1969 zeigte Alvin Lee, warum. Nun ist der Elder Statesman des Bluesrock gestorben.

          2 Min.

          Der Status eines Gitarrenhelden oder sogar -gottes kam Spielern eigentlich nur in einer Zeit zu, als man sich von der Beherrschung dieses Instruments noch befreiende Wirkung versprach (von was auch immer). Um 1970, der Hochzeit des Gitarrenrock, war also in gewisser Weise jeder einer oder konnte sich zumindest so fühlen. Zu den am Ende doch nicht so zahlreichen Göttern und Helden zählt zweifellos Alvin Lee von der Gruppe Ten Years After, der eine Zeitlang auch als „der schnellste Gitarrist der Welt“ galt - ein naturgemäß kaum überprüfbarer Ehrentitel, der aber nichts mit der leeren Virtuosität zu tun hatte, mit der mindere Könner ihre Effekte erzielten. Komischerweise ist sein Intro von „Love Like a Man“, eines der berühmtesten überhaupt, von aufreizender Langsamkeit.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Nachhaltiger als mit diesem Sieben-Minuten-Kracher brannte er sich nur noch, hochkonzentriert grimassierend und mit seiner kehlig-forcierten Intonation an Rory Gallagher erinnernd, in Woodstock mit „I’m Going Home“ ein, einer in der Tat atemberaubend schnellen Bluesrock-Nummer, die für jeden Möchtegern-Gitarristen eine Initialzündung gewesen sein dürfte und seither sein Markenzeichen war, das ihm allerdings bald zum Hals heraushing. Ten Years After, die 1967, fast schon in der Abendröte des britischen Blues-Booms, dem Dunstkreis des Marquee-Clubs entstiegen waren, hatten es nicht mehr nötig, stilistische Überzeugungsarbeit zu leisten, und, anders als Savoy Brown oder Chicken Shack, auch nicht mit personeller Instabilität zu kämpfen.

          Alvin Lees Pyrotechnik auf der roten Gibson, Leo Lyons schwere und doch swingende Bassläufe, Rick Lees jazznahe Trommelei und Chick Churchills psychedelisch dröhnendes Orgelspiel ergaben ein hochwertiges Bluesgebräu, das sie mit Elementen aus Boogie-Woogie, Country und Folk vorteilhaft aufzulockern wussten und das trotz seiner prinzipiell druckvollen Darbietung irgendwie beiläufig wirkte. Vor allem in Amerika geriet ihre Musik deshalb unter den Verdacht der bloßen Stimmungsmache: „Man dreht sie laut auf, aber man hört ihr nicht zu“, giftete das Magazin „Rolling Stone“.

          Ein krachend-unverbrauchter Virtuose

          Zwar ließ sich die Band, deren Hang zum Kalauern wie zur instrumentellen Selbstgenügsamkeit schon auf der Platte „Stonedhenge“ (1968) zu spüren war, davon nicht beirren und erspielte sich auf Festivals wie in Newport oder der Isle Of Wight beträchtliches Renommee; trotzdem erschien ihre Musik den Kritikern vor der Zeit und jedenfalls schneller entbehrlich als die des absoluten Rockadels, zu dem Alvin Lee nach dem mehrmals hinausgezögerten Ende von Ten Years After Tuchfühlung hielt. So wurde die mit dem Songwriter und Sänger Mylon LeFevre und der maßgeblichen Hilfe von George Harrison, Steve Winwood, Mick Fleetwood, Ron Wood und Jim Capaldi eingespielte Platte „On The Road To Freedom“ (1973) ein Musterbeispiel stilistischer Ausgewogenheit. Aller Druck schien von Lee genommen; die entspannte, gospelnahe Spielweise hätte die Auflösung von Bands wie McGuinness Flint oder The Band wettmachen können, wenn dieses Meisterwerk größere Beachtung gefunden hätte.

          Auf den ganz unter eigenem Namen oder mit ironischer Referenz an die alte Band (Ten Years Later) eingespielten Platten präsentierte sich Alvin Lee, der immer auf prominente Helfer zurückgreifen konnte, als krachend-unverbrauchter Virtuose, auch wenn die Musik, wegen der zeittypischen Produktion, gelegentlich einen Zug hin zum Bombastrock hatte.

          Auf diese Weise hielt er, dem die Rolle des Elder Statesman des Bluesrock etwas zu früh zugewachsen war, aber nicht geschadet hat, sein Niveau. Obwohl seine Technik und Präsenz manchen Mitspieler an den Rand drängten, galt er als überaus kollegial. Der Bassist Andy Pyle sagte über ihn: „Alvin Lee weiß, was er spielen will, behandelt dich gut und bescheißt dich nicht.“ Nun ist Alvin Lee, der in Nottingham geboren wurde, im Alter von 68 Jahren gestorben.

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