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Zum Tod von Richie Havens : Der entfesselte Gospel

  • -Aktualisiert am

Richie Havens 2009 bei einem Konzert im Madison Square Garden in New York. Bild: AFP

Mit ihm geht nicht nur eine der Größen von Woodstock verloren: An diesem Dienstag ist der schwarze amerikanische Folksänger Richie Havens im Alter von 72 Jahren gestorben.

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          In Quentin Tarantinos „Django Unchained“ ist er noch einmal zu hören: Richie Havens’ „Freedom“ untermalt und steigert die bannenden Bilder vom Freiheitskampf der amerikanischen Sklaven. Mit seinem Mitwirken an diesem radikalen Epos zur bis heute wirksamen Geschichte Amerikas schloss sich, so wissen wir jetzt, der Kreis in Leben und Werk des schwarzen Folksängers.

          Und das buchstäblich. Denn die Karriere von Richie Havens begann mit ebendiesem Lied: Am 15.August 1969 eröffnete der Sänger das sagenumwobene Festival von Woodstock. Auf jeden seiner Songs folgte frenetischer Applaus. Als Richie Havens’ Repertoire nach drei Stunden Auftritt erschöpft war und das Publikum ihn dennoch nicht von der Bühne lassen wollte, begann er zu improvisieren. Er sang den uralten Gospel „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“ und fügte, wie es heißt aus dem Stegreif, den bekannten Strophen die Reime über Freiheit hinzu. So wurde aus dem resigniert klagenden Lied vom Schicksal der schwarzen Sklaven, die erst im Jenseits auf Erlösung hoffen können, der kämpferische Song „Freedom“ - und aus dem wenig bekannten Barden ein Weltstar des Folk.

          Mehr als eine Sängerkarriere

          Über die Jahre hin komponierte und textete Richie Havens viele eigene Lieder. Aber seine größten Erfolge hatte er mit Cover-Versionen. Und die waren alles andere als Verlegenheitslösungen: „Eleanor Rigby“, das Lied von der verkümmerten Schattenfrau, die stumm in einem Kirchenbankwinkel stirbt, derweil der Pfarrer gelangweilt einen Predigt-Sermon für Leute schreibt, die ihm nicht zuhören, klang bei den Beatles erschütternd. Aber als Havens, der in Brooklyn geborene, zwischen Streetgangs und Gospelchören aufgewachsene älteste Bruder von neun Geschwistern, der es als schwarzer Außenseiter in die von Weißen dominierte Folkszene von Greenwich Village geschafft hatte, „Eleanor Rigby“ aufnahm, wurde aus beeindruckendem Kunstgewerbe ein elementares authentisches Drama. Und nachdem Bob Dylan sein „Just Like a Woman“ durch nöliges Krächzen zum Bekenntnis eines einsamen Wolfs stilisiert hatte, sang Havens den Song mit soul- und gospelgestählter Leidenschaft zur verzweifelten Losung des aussichtslosen Geschlechterkampfs hin.

          „Nobody Left to Crown“, Richie Havens’ letztes Album, erschien im Jahr 2008. Da blickte er auf ein Werk zurück, das weit mehr umfasste und mehr Krönungen sah als eine Sängerkarriere: Im Jahr 1972 hatte er bei der Uraufführung von „Tommy“, der Rockoper der Who, auf der Bühne gestanden, war 1974 Othello im Film „Catch My Soul“ gewesen und hatte 1977 neben Richard Pryor in „Greased Lightning“ mitgewirkt.

          Eine der letzten Größen von Woodstock

          Auch als Maler und Bildhauer erwarb Richie Havens sich Ansehen - und Popularität mit Gastrollen in der Sitcom „Eine schrecklich nette Familie“ sowie mit den Soundtracks für die PC-Spiele „Tex Murphy: Pandora Directive“. Unberührt von solchen kommerziellen Strategien blieb seine Grundüberzeugung, die er am Anfang seiner Laufbahn in einem Interview mit der Zeitschrift „Denver Post“ formuliert hatte: „Ich begebe mich nicht ins Showbusiness, sondern ins Kommunikationsgeschäft. Deshalb singe ich nur Lieder, die mich wirklich bewegen.“

          Darum eben bewegte Richie Havens mit seiner Kunst drei Generationen Amerikaner. Er, der mühelos den Typus vom Selfmademan mit dem des aufbegehrenden Außenseiters verband, Staatstreue und Störrischkeit als amerikanische Primärtugenden lebte, war eine der letzten Größen, die Woodstock unserer Epoche geschenkt hat. Am Dienstag, den 23. April ist Richie Havens im Alter von 72 Jahren überraschend gestorben.

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