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Zum Tod von Pete Seeger : Von Mächten und Menschen

  • -Aktualisiert am

Ein Mann und sein Banjo: Pete Seeger (1919 - 2014). Bild: AFP

Er saß als Kommunist im Gefängnis, und er schrieb einige der schönsten Lieder des 20. Jahrhunderts: Der Folksänger Pete Seeger, Vorbild dreier Musikergenerationen, ist am Montag gestorben.

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          Wenige Stunden nach der diesjährigen Grammy-Verleihung, bei der er mit seinem Album „Storm King“ in der Kategorie „Spoken Word“ dem Komiker Stephen Colbert unterlag, ist Pete Seeger im Alter von 94 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus gestorben. Mit dem Tod des Folksängers, dem Preise wenig bedeuteten, hat das nichts zu tun. Wohl aber damit, dass er selbst im biblischen Alter noch das Kulturleben Amerikas prägte. So hatte er einen seiner letzten, von Jubel und Ergriffenheit begleiteten Auftritte am 18. Januar 2009 beim Open-Air-Konzert zur Amtseinführung des ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barack Obama.

          Ohne ihn, der schon für die Rechte der schwarzen Amerikaner kämpfte, als sogar Intellektuelle in Amerika noch von „Niggern“ sprachen, wäre dieses Konzert unvollständig gewesen. Und ohne Open Air und Holzfällerhemd wäre er, eine der Galionsfiguren der amerikanischen Arbeiterbewegung, 2009 nicht der gewesen, der er immer gewesen war.

          Der Sammler von Folksongs

          Sein Leben erzählt sich wie ein Gemisch aus den Romanen Louis Begleys und John Steinbecks: Geboren 1919 in New York City als Sohn einer Geigenlehrerin und eines Musikwissenschaftlers, brach er ein Soziologiestudium in Harvard ab und begann historische Folksongs und Südstaaten-Blues zu sichten. Er sammelte sie nicht nur, sondern sang sie auch, sich selbst auf dem Banjo begleitend, dichtete neue Strophen, in denen er Rassendiskriminierung und Ausbeutung anprangerte, das harte Leben der Arbeiter und Farmer, Elend der Tramps und Bindungslosigkeit der Cowboys; bald assimilierte Seeger sich in Kleidung und Habitus dem, was er besang.

          Im Jahr 1949, in dem er mit Woody Guthrie (dem Folksänger, auf dessen Gitarre „This Machine Kills Fascists“ stand), die Folkgruppe The Almanac Singers formierte, gründete Seeger auch „Peoples Song“, die erste Folkmusikergewerkschaft. Berühmt „from Coast to Coast“ wurde er ab 1950 mit den Weavers, deren Hits „Wimoweh“ (aus Südafrika adaptiert), „Goodnight, Irene“ und „On Top of Old Smokey“ noch heute oft zu hören sind. 1955 verspürte die Gruppe am eigenen Leib jene Repressalien, die sie zuvor besungen hatte. Als Sympathisanten und zum Teil Mitglieder der Kommunistischen Partei kam sie auf McCarthys Schwarze Liste; Pete Seeger wurde vor das „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ geladen, verweigerte die Aussage und wurde deshalb zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ein Jahr musste er absitzen, siebzehn Jahre lang wurde er von den amerikanischen Medien ignoriert.

          Vorbild Bob Dylans

          So war es die zweite Generation der neuen Folksänger, die seine Lieder weltbekannt machte: Sein „If I had a Hammer“, die Warnung vor Machtmissbrauch und stürmische Forderung nach Gerechtigkeit, machten Peter, Paul & Mary zum Welthit. „We Shall Overcome“, ein von ihm überarbeitetes Gospel, avancierte zur Hymne der Jugendrevolten, und das alttestamentarisch zornige „Turn! Turn! Turn!“ verhalf der amerikanischen Folk-Rock-Band „The Byrds“ und dem australischen Folkquartett The Seekers zum Durchbruch. Seegers eigene Version machte ihn zum Vorbild für Bob Dylan – ein Verhältnis, das kurz nicht gegenseitig war: Als 1965 beim Newport Folk Festival, das Seeger 1959 initiiert hatte, Dylan mit E-Gitarre auftrat, schaltete Seeger erbost die Tonanlage ab. Man versöhnte sich. Aber die ultimative Hommage lieferte erst Bruce Springsteen, der 2006 ein Seeger-Album veröffentlichte. Da war Pete Seeger längst Amerikas Nestor, Inspirator aller U-Musiker, 1996 in die „Hall of Fame“ aufgenommen – und niemanden interessierte mehr, dass er Jahrzehnte zuvor als Landesverräter gegolten hatte.

          New York : Folk-Sänger Pete Seeger ist tot

          Zum Newport Festival war Pete Seeger 1965 von einer zweijährigen Weltreise zurückgekommen, die er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern unternommen hatte. Dass dies kein Trip, sondern eine harte Tour war, auf der die vier sogar auf Straßen um Geld musizieren mussten, erzählt er auf seinem letzten Album. So hatte er verwirklicht, was einer seiner populärsten Songs beschwört: „Kisses Sweeter Than Wine“, der Lebensbericht eines Farmers, in dem es heißt „I worked mighty hard, and so did my wife. Workin’ hand in hand, to make a good life.“

          Schlicht wie dieses Lied, aber ergreifender, weil erschütternd weise, ist sein schönster, oft missbrauchter Folksong „Where Have All the Flowers Gone“, das Gleichnis vom unbelehrbar Kriege führenden Menschen. Wenn er ihn mit seiner knarrenden Stimme sang, verblassten die berühmten Versionen von Marlene Dietrich oder Joan Baez: Die Blumen, die wir pflücken, wachsen auf Gräbern Gefallener, und enden womöglich als Schmuck auf Totenkränzen. Vor diesem Zyklus beugte sich selbst der unbeugsame Seeger. Das war sein größter Schmerz – und seine größte Tat.

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