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Zum Tod von Percy Sledge : Eingewickelt in weiche Liebe

  • -Aktualisiert am

Alles über die Liebe: Percy Sledge Bild: dpa

Sein Timbre ist der Inbegriff des Schmuse-Soul: Percy Sledge war fixiert auf Liebeslieder. Auch wenn er meist nur interpretierte, zählt er zu den prägenden Sängern des Genres. Nun ist er in Louisiana gestorben.

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          Wer wollte diesem Mann widerstehen, wenn er in seinem Anzug des Typs oranges Knallbonbon, aber ohne Hemd, also mit blanker Brust darunter, am Mikrofon inbrünstig um Vergebung bat: „Please come back and never leave me again“? So flehte Percy Sledge 1968 in seinem Schmuse-Soulstück „My Special Prayer“, aber eigentlich sind fast alle seine Lieder Schmuselieder.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Kirchenszene, die in dem Lied beschrieben wird, könnte gut aus seinem eigenen Leben stammen, denn Sledge sang in Leighton, Alabama, wo er 1941 geboren wurde, selbst im Chor der Baptistenkirche. Wie so viele schwarze Blues- und Soulsänger verrichtete er zunächst tatsächlich noch Arbeit auf Baumwollfeldern. Später wurde er Krankenpfleger. Zu dieser Zeit begann er am Wochenende bei der Esquire Combo aufzutreten.

          Die glückliche Vermittlung an den Produzenten Quin Ivy brachte ihm schließlich einen Plattenvertag bei Atlantic Records ein - und das Lied, mit dem er die Szene betrat, sollte gleich sein größter Hit werden. „When a Man Loves a Woman“, aufgenommen 1966, war eine Melodie, die Sledge zunächst mit anderen Textzeilen gesummt und gesungen hatte - leider trat er den beiden Männern, die daran mitschrieben, alle Rechte ab, was bei einem solchen über Jahrzehnte und bis heute gespielten Welthit wohl unermessliche Einbußen bedeutet hat.

          Auch wenn er diesen Erfolg mit keinem anderen Song erreichte, war Sledge mitnichten ein „One Hit Wonder“: Mit seinem immer etwas froschig klingenden Gesang und dem prägenden Soul-Sound der Musiker aus Muscle Shoals, besonders der Orgel von Spooner Oldham, schuf er eine klangliche Signatur, mit der er viele Hörer regelrecht eingewickelt hat: wortwörtlich auch zu den Zeilen „Let me wrap you in my warm and tender love“. Mit diesem Sound adaptierte er auf originelle Weise auch Countrymusik.

          Die totale Fixierung auf Liebeslieder hatte er Kollegen wie Al Green oder Barry White also noch voraus; im Gegensatz zu seinem frühverstorbenen Zeitgenossen Otis Redding, mit dem er stimmlich in einer Liga spielte, war Sledge allerdings mehr Interpret als Songschreiber. Zu seinen schönsten Interpretationen zählt das von Steve Davis geschriebene „Take Time to Know Her“, ein rührend vertonter mütterlicher Rat, sich die Auserwählte noch einmal genau anzuschauen, bevor man sie vor den Altar führt.

          Wie elektrisierend Sledges stimmlicher Liebeswahn auf Zuhörer wirkte, kann man auf der Live-Aufnahme „Percy Sledge in South Africa“ von 1970 hören: Das Gekreische darauf steht dem der Beatlemania wohl in nichts nach. Während der Sänger in den Jahren 1966 bis 1969 fünf gute Alben veröffentlichte, schien er Anfang der siebziger Jahre bereits sein Pulver verschossen zu haben: Danach kam nicht mehr viel. Mitte der Neunziger wagte er mit „Blue Night“ ein Comeback-Album unter Mitarbeit von Bobby Womack und dem Rolling-Stones-Gitarristen Mick Taylor und zeigte, dass sein besonderes Timbre in all den Jahren nichts eingebüßt hatte. Bis zuletzt war er immer wieder auf Tournee. Am Dienstag ist er in seinem Haus in Baton Rouge, Louisiana, gestorben.

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