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Zum Tod von Levon Helm : Der einzige gute Sänger unter lauter Musikern

  • -Aktualisiert am

Levon Helm 1940 - 2012 Bild: RAHAV SEGEV/The New York Times/R

Der Schlagzeugers und Bandleader Levon Helm war eine Schlüsselfigur des Countryrock und sang die wichtigsten Lieder von The Band. Jetzt ist er im Alter von 71 Jahren gestorben.

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          Wenn man ihn so sah, dann wirkte er wie ein Farmer: aufrecht, asketisch-hager und nicht unbedingt darauf bedacht, bei jeder Gelegenheit seinen Sinn für Humor zu beweisen. Levon Helm entsprach schon durch seine Plantagenherkunft (Arkansas) dem Typus eines uramerikanischen, strikt ländlich ausgerichteten Mannes, dessen Musizierwille durch eine gewisse Strenge geerdet war. Sein Rockadel ist nicht etwa abgeleitet: Als Mitglied nicht irgend einer Band, sondern von The Band, die wohl für alle Zeiten die Zuschreibung „Begleitband von Bob Dylan“ ertragen muss, gehört er ohnehin dazu.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Nachdem sie unter dem Namen The Hawks dem Ersatz-Elvis Ronnie Hawkins gedient hatte, übernahm Helm das Kommando über Levon&The Hawks und bugsierte die Band weg vom Einpeitscher-Rhythm-and-Blues hin zu einem entspannteren Stil, der schon fast Countryrock war, mit dessen Erfindung das schließlich abermals umbenannte, fünfköpfige Ensemble seit der Epoche machenden Debütplatte „Music From Big Pink“ (1968) in Verbindung gebracht wird. Dazwischen lag die gleichfalls Geschichte schreibende Zusammenarbeit mit Dylan, die nicht nur in den so skurrilen wie bodenständigen Aufnahmen der „Basement Tapes“ mündeten, sondern eben auch in dem elektrifizierten Folkrock, mit dem Dylan sich zum Judas machte und der Helm, der bald genug hatte von diesen vermeintlich artifiziellen Klängen, in die Flucht schlug.

          Ein Musizierstil ohnegleichen

          Er kam natürlich wieder, denn ohne ihn wäre die „Big Pink“-Platte wohl kaum das geworden, was sie wurde: das weithin vernehmliche und von den unterschiedlichsten Lagern akzeptierte Umkehrsignal zu einem unverstellt natürlichen Musizierstil aus Country, Folk und ein ganz klein wenig Jazz, „eine kulturelle Mixtur ohne Parallelen in der zeitgenössischen Musik“, wie der Kritiker Ralph Gleason seinerzeit schrieb. Helm bereicherte das Album zwar nicht mit eigenem Material, wie er überhaupt als Songschreiber nie sonderlich in Erscheinung trat, aber er sang mit seiner warmen Phrasierung die wichtigsten Lieder - „The Weight“ und „The Night They Drove Old Dixie Down“ - und spielte ein lässiges Schlagzeug. Wie die übrigen Band-Mitglieder war er Multiinstrumentalist, spielte eine wunderbare Mandoline und war, als einziger Amerikaner in der ansonsten rein kanadischen Gruppe, auch der einzige wirklich gute Sänger.

          Nach dem im „Last Waltz“-Konzert 1976 denkwürdig begangenen Abschied von The Band legte Levon Helm, der auch schauspielerte, als erster eine Soloplatte vor, deren Rezept er nie mehr wesentlich änderte: eine Mixtur aus Big-Band-Sound, jodelndem Country und zartem Folk. Selbst eine schwere Erkrankung hinderte ihn nicht an zwei späten, makellosen Platten. Ein junger Musikerkollege schrieb über ihn: „Ich empfand Levon als die gesangliche Vaterfigur in The Band. Er wirkt stark und selbstbewusst, eben wie ein Vater, der einen nach Hause ruft oder auch mal ausschimpft.“ Nun wurde diese Schlüsselfigur des Countryrock selbst heimgerufen: Am Donnerstag ist Mark Lavon „Levon“ Helm im Alter von 71 Jahren in New York gestorben.

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