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Zum Tod von Lemmy Kilmister : Das große schwarze Herz

Lemmy Kilmister, 1945 bis 2015 Bild: Pep Bonet/Noor/laif

Er war eine Respektsperson bei Grün- wie Langhaarigen und konnte klingen wie der wehmütige Wind der Ewigkeit. Zum Tod des stilbildenden Rockbassisten und Sängers Lemmy Kilmister.

          Stadthalle Lörrach, 8. Dezember 1987, ein Konzert mit der Lokalgröße Destruction, der dänischen Luftschutzsirene King Diamond und der unbesiegbaren Unterweltmacht Motörhead, die gerade ihr neues (und bis heute selbst von Berufenen kriminell unterbewertetes) Album „Rock’n’Roll“ von sich geschleudert hatten. Zwei Stunden anstehen, in dreckigen Turnschuhen reinschlurfen, von anderen mit denselben Neigungen auf Bassgitarrenhalsbreite zusammengedrückt werden und sich dann im Lärmtaumel überschwappender Stahlkochtöpfe verlieren – selbst mein Freund Mark, dessen äußerstes physisches Begeisterungszeichen bei lautester Musik ein dezentes rhythmisches Fußtapern war, fing, als der Headliner aus England schließlich in die Vollen ging, wohlwollend zu nicken an, während sich rings die Unvorsichtigen bereits die buschigen Haare aus den Ohren geschüttelt hatten.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Hierarchie stand fest an diesem Abend: Schmier von Destruction wurde angefeuert, King Diamond bewundert, aber Lemmy von Motörhead, den haben wir geliebt. Was denn sonst?

          Integrer Herzensbrecher, unbehauster Philosoph

          Die älteren Brüder und Vorbilder hatten auf der Fahrt zum Auftritt bereits davon erzählt, wie dieser Mann 1975 bei den bombastisch-schief-schwelgerisch vertüftelten Psychedelikern von Hawkwind aus dem vom großen Science-Fiction-Schriftsteller, Rocker und Hawkwind-Maskottchen Michael Moorcock unsterblich gemachten Londoner Stadtteil Ladbroke Grove ausgestiegen war, um Motörhead zu gründen, einen Drei-Mann-Sturmangriff auf die Stadionrock-Klischees der Epoche, der auf dieselbe rasende Rumpelkarosserie setzte wie der gleichzeitig im Entstehen begriffene Punkrock, dabei aber auf Double-Bassdrum-Kopfsteinpflaster Geschwindigkeitsrekorde brach, während die Punks rutschige Pub- und Clubfußboden-Pisten bevorzugten.

          Kilmister galt bei Grün- wie Langhaarigen als Respektsperson. Es kursierten Geschichten über einen integren Herzensbrecher, unbehausten Philosophen und geistesgegenwärtigen Nothelfer, der minderjährige Fans zur Not eigenhändig aus der Menge auf die Bühne zog, bevor ihnen jemand im Gruppenrausch etwas zuleide tat.

          Vor jedem Auftritt trat der Mann in Schwarz mit den hohen Cowboystiefeln, dem Eisernen Kreuz oder Indianerkunsthandwerk um den Hals, mit den markanten Warzen, dem unverwechselbaren Westernbackenschnauzer, dem schnurgeraden langen Haar und der Pik-Ass-Tätowierung auf dem Arm an den Mikrofonständer, kippte den Tonaufnahmeprügel nach unten, legte den Kopf in den Nacken und erklärte denen, die’s schon wussten: „We are Motörhead. We play Rock’n’Roll.“ Dann griff er, neben Phil Lynott von Thin Lizzy, Cronos von Venom, Cliff Burton von Metallica und Dan Lilker von Nuclear Aussault, einer der wirkmächtigsten Bassisten des lauteren Rock, in seine Starkstromkabelsymbolsaiten und musste hin und wieder das Konzert unterbrechen, weil er eines der metallischen Taue im Schwerarbeiterenthusiasmus aus den Verankerungen gerupft hatte.

          Rauhe Sehnsucht, gebrochener Junggesellenstolz

          Spätestens seit der gleißend schönen Hawkwind-Single „Silver Machine“ war es, von diesem markanten Bassspiel abgesehen, Kilmisters Stimme, die sich in die Gehörgänge wühlte, um das Stimmungsgedächtnis der Aufmerksamen nie mehr zu verlassen. Vom antiken Rhetor Demosthenes heißt es, er habe mit Kieselsteinen im Mund geübt, bei Lemmy müssen es glühende Kohlen gewesen sein. Wer ihn freilich als bloße röhrende Turbine verkennt – „the dark side’s all you want to see“ heißt es ebenso bedauernd wie gleichmütig im energischen Selbstporträtsong „Blackheart“ –, weiß nichts davon, dass Lemmys bedeutendes Organ auf der Ballade „1916“, die das gleichnamige Album von 1991 abschließt, klingen kann wie der wehmütige Wind der Ewigkeit, der mit tausend Tabakblättern raschelt, während ein Nieselregen aus Bourbon hochprozentige Himmelstränen weint, oder dass derselbe düster-edle Mann auf „All for you“, der Ballade des Albums „Rock’n’Roll“, rauhe Sehnsucht und gebrochenen Junggesellenstolz in die von melancholischem Eros elektrisierten Verse legt: „Sweet music in the dark, you always found the spark to light my light.“

          Die Jung- und Altrocker in den Konzerthallen der Welt waren und sind nicht die Einzigen, die ihn dafür liebten und weiterlieben werden: Die beiden Nachrichtenrubriken der eher kopf- als nackenstarken Popzeitschrift „Spex“ hießen jahrelang „Motör“ (Politik, Soziales) und „Head“ (Kunst und Kultur), die derzeit beste deutsche Heavy-Metal-Zeitschrift „Deaf Forever“, die ein handverlesenes Team um den über jeden Zweifel an seiner Statur in der Szene erhabenen Krachjournalisten Götz Kühnemund produziert, wurde nach einem Song von der Motörhead-Platte „Orgasmatron“ (1986) benannt. Die groteske Bizarrerie, die darin liegt, dass Motörhead, ohne die unzählige heutige Heavy-Metal-Bands nicht einmal ahnen würden, wo der Hammer hängt, 2005 einen Grammy nicht etwa für ihre überragende Bedeutung im Genre erhielten, sondern dafür, dass sie „Whiplash“ von Metallica nachgespielt (und nicht übel verbessert) hatten, werden die Verantwortlichen eines Tages Lemmy selbst wohl dort erklären müssen, wohin er sich jetzt verfügt hat, um entweder auszuruhen oder standhaft weiterzufeiern.

          Das Lörracher Konzert erreichte den Gipfel seinerzeit mit einem akustischen Ausblick auf die Unsterblichkeit. Die immer wieder noch einmal verlängerte Schlussphase des Meisterwerks „Rock’n’Roll“ nutzte Lemmy Kilmister dazu, den Platz des Songtitels im Taktgefüge mehrmals bellend hin- und herzuschieben – wie jemand, der zwei gigantische Standbeine hat, vom einen aufs andere wechselt, bis man merkt, dass diese Standbeine eigentlich egal sind, weil er nämlich umgekehrt auch über zwei Spielbeine verfügt, welche abwechselnd der Musik in den Hintern treten, die daran mehr Spaß hat als an allem anderen.

          Am Montag ist Ian Fraser „Lemmy“ Kilmister im Alter von siebzig Jahren in Los Angeles gestorben.

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