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Zum Tod von Captain Beefheart : Strengstens persönlich

  • -Aktualisiert am

Das wohl größte Originalgenie der Rockmusik: Captain Beefheart auf dem Cover von „Ice Cream for Crow” Bild: Virgin

Manchen galt er als unhörbar, viele kennen ihn überhaupt nicht. Obwohl er seit dreißig Jahren nichts mehr von sich hat hören lassen, war Captain Beefheart das wohl größte Originalgenie der Rockmusik. Jetzt ist er, wenige Wochen vor seinem siebzigsten Geburtstag, gestorben.

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          Dann stimmten die Gerüchte also doch: Der Captain, hieß es seit langem, ist nicht nur so gut wie taub, sondern auch ernstlich krank, deswegen könne und wolle er keine Musik mehr machen. Nun ist Captain Beefheart gestorben; im Januar wäre er siebzig Jahre alt geworden. Über sein Leben ist wenig bekannt; erst dieses Jahr hat sein ehemaliger, ihm in Hassliebe verbundener Schlagzeuger John „Drumbo“ French mit der peniblen Achthundert-Seiten-Rekonstruktion „Beefheart: Through the Eyes of Magic“ Licht in manches Dunkel gebracht.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Ob es wirklich stimmt, dass den Achtjährigen einst ein portugiesischer Bildhauer entdeckt und ihm so den Weg zur bildenden Kunst gewiesen hat? Verbürgt ist, dass Captain Beefheart eine Zeit lang genötigt war, sich als Staubsauger-Vertreter durchzuschlagen. Seit fast dreißig Jahren hat er nichts mehr von sich hören lassen und sich, so lange sein Zustand es zuließ, ausschließlich der Malerei gewidmet. Seine dezent abstrakten, wie von ferne an Francis Bacon erinnernden Bilder brachten bis zu 25 000 Dollar ein, und dass er mit seiner Musik nicht annähernd so erfolgreich war, gehört ausdrücklich nicht zur Tragik seines Lebens und seiner Karriere.

          Futuristisch archaischer Blues

          Eine solche Kategorie ist Captain Beefheart fremd; dazu sind sein Werk zu eigensinnig und seine Produktivität zu eruptiv, zu wenig am Markt ausgerichtet. Ihm ging es weniger darum, angenommen zu werden, sondern darum, herauszufinden, wie weit sich Delta-Blues, Rock, Folk, Soul und auch Free Jazz miteinander verschmelzen lassen und wie weit man dabei gehen könnte. Captain Beefheart ging zum Äußersten und stellte dafür 1964 in der kalifornischen Wüste, im Dunstkreis seines Schulfreundes Frank Zappa ein Ensemble zusammen, das er autokratisch „His Magic Band“ nannte (nicht „The“) und nach Art der alten, von ihm so bewunderten Bluesinterpreten wie Howlin‘ Wolf oder Muddy Waters mit Individualnamen versah, die ähnlich phantasievoll klangen wie seine Musik: Zoot Horn Rollo, Rockette Morton, Winged Eel Fingerling und ähnlich.

          Er selbst nannte sich nach seinem eigenen, allerdings nie verwirklichten Filmprojekt „Captain Beefheart Meets The Grunt People“ und spielte Saxophon sowie Mundharmonika. Zwar hatte er den Bo-Diddley-Song „Diddy Wah Diddy“ nur mäßig verfremdet, so dass A&M beinahe eine ganze Platte mit ihm gemacht hätte; aber Firmenproduzent Jerry Moss sprang in letzter Minute ab, weil ihm diese Aufnahme dann doch „zu negativ“ klang (auf YouTube kann man das nachhören). So war die Bahn frei für den so futuristischen wie archaischen Blues, der einem Publikum erstmals an einem Abend 1965 irgendwo in Los Angeles zusammenhängend vorgeführt wurde: Das war die aus nur vier Stücken bestehende, sich in Improvisationen gelegentlich verlierende Platte „Mirror Man“, die Buddah Records, ermuntert durch das seriöse Kritikerinteresse, das diese Musik in der Zwischenzeit auf sich gezogen hatte, aber erst 1971 herausbrachte.

          Auf Zappas Label

          Zu diesem Zeitpunkt hatte der Captain seine entscheidenden Möglichkeiten bereits ausgespielt: 1966 nahmen er und seine Magic Band, ebenfalls für Buddah, das legendäre „Safe As Milk“ auf, bei dem der blutjunge Ry Cooder Gitarre spielte. Gemessen an dem formalen Wagemut, den Beefheart danach bewies, ist dies eine fast noch konventionelle, garagenhaft scheppernde Bluesrock-Platte mit allerlei Doo-wop-Elementen, deren melodiöser Einfallsreichtum es ohne weiteres mit den Beatles und den Beach Boys aufnehmen konnte. Hier finden sich krude, etwas kryptische Lieder wie „Abba Zaba“ und „Electricity“, die jedoch noch herkömmlichen Strukturen verpflichtet sind; dazu flüssiger Uptempo-Blues wie „Sure ‘Nuff‘n Yes, I Do“ und bewegende Schmachtfetzen wie „Autumn's Child“. Schon hier erwies sich Captain Beefheart mit seiner Viereinhalb-Oktaven-Stimme als einer der ausdrucksstärksten weißen Bluessänger.

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