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Zum Tod von B.B. King : Dr. Blues praktiziert nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Blues-Legende B.B. King beim 45. Montreux Jazz Festival. Er starb im Alter von 89 Jahren. Bild: Reuters

In seinem Arztkoffer war nur ein Instrument, auf dem er das Singen mit den Fingern fortsetzte: Jetzt ist der große Bluesmusiker B.B. King im Alter von 89 Jahren gestorben.

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          Wenn von „Dr. King“ die Rede ist, denkt man gemeinhin an Martin Luther King. Aber auch B.B. King hielt seit 1977 einen Doktortitel – ehrenhalber, verliehen von der Yale University im Fach Musik. Noch genauer wäre es gewesen, ihn im Fach Blues auszuzeichnen, als dessen König er, nicht nur wegen seines Nachnamens, seit langem ziemlich unangefochten galt. Und so wie der prägende Ragtime-Pianist Jelly Roll Morton einst „Doctor Jazz“ genannt wurde, könnte man B.B. King wohl „Doctor Blues“ nennen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          In seinem Arztkoffer war nur ein Instrument, und das hieß Lucille. So taufte er 1949 seine Gitarre, und die Anekdote dazu wurde zwar vielleicht schon oft erzählt, darf aber in einem Nachruf nicht fehlen: Bei einem Auftritt an einem Ort mit dem schönen Namen Twist im amerikanischen Bundesstaat Arkansas gerieten zwei Männer im Publikum derartig in Zwist, dass sie ein zum Heizen aufgestelltes Fass mit Kerosin umstießen und die ganze Bude in Brand steckten. King rannte zunächst wie alle aus dem brennenden Gebäude, dann aber nochmal zurück, um seine Gitarre zu retten. Später erfuhr er, dass die Männer sich um eine Frau namens Lucille stritten – und so sollte der Name für seine Gitarre und alle weiteren, die er seither in Händen hielt, wohl das Feuer der Leidenschaft, mehr aber noch die  Mahnung vor törichtem Verhalten in sich tragen.

          Zu singen oder auf Lucille zu spielen war für B.B. King, wie er selbst sagte, dieselbe Tätigkeit: Hörte der Mund auf, sangen die Hände weiter. Wie das aussah, konnte man am besten an seiner linken Hand sehen: Ihr Vibrato am Griffbrett wirkte wie das Flügelschlagen eines Kolibris, wenn sie etwa einige Töne im Eröffnungsriff von „The Thrill is Gone“ wie verrückt summen ließ.

          Der Meister und die artigen Schülerchen

          Unzählige Versionen von diesem Lied findet man heute im Netz, und genauso unzählig scheinen bei ihrer Ansicht die Varianten psychedlisch bunter Hemden, die der füllige B.B. dazu trug: Ob nun 1971 in der Show von Kenny Rogers zum grünen Anzug oder 2010 beim Crossroads Guitar Festival, wo der Meister lässig im Sessel ganz vorn auf der Bühne sitzt, in schräger Reihe dahinter seine artigen Schülerchen Eric Clapton, Robert Cray und Jimmie Vaughan. Dass King das Lied hier nur noch mit halber Geschwindigkeit spielte, ließ dennoch in keiner Weise auf ein sonstiges Nachlassen seines Könnens schließen: Bis zuletzt tourte dieser Mann unermüdlich, er war es ja seit langem gewohnt und spielte in der Frühzeit seiner Karriere manchmal an fast jedem Tag des Jahres ein Konzert, an manchen auch zwei.

          Wie beschwerlich der Weg vom armen Landjungen Riley B. King aus Mississippi zum gefeierten B.B. („Blues Boy“) war, hat vor kurzem noch Jon Brewer in seinem maßgeblichen Dokumentarfilm über sein Leben, „B.B. King - The Life of Riley“ (2013), gezeigt. Das Wortspiel mit dem Ausdruck „a life of riley“ ist geprägt von einer Gegenteilsironie – denn ein Zuckerschlecken war Kings Leben zu Beginn nun gerade nicht: Er musste sich erst mühsam vom Baumwollpflücker zum Traktorfahrer hocharbeiten, bevor er sein Auskommen als Musiker fand und sich seinen Bühnennamen gab. Es war, auch das zeigt der Film, die große Selfmade-Story eines Schwarzen in Amerika, der es gegen alle Vorzeichen schaffte.

          Ein onkelhafter Womanizer

          Was dieser Musiker in beinahe siebzigjähriger Karriere auf der Bühne und im Studio zu Wege brachte, vom „3 o’Clock Blues“, den er 1952 von einem Zimmer des YMCA in Memphis auf Platz 1 der Billboard-Charts brachte, über den großen Auftritt „Live at the Regal“ (1965), der einen Höhepunkt darstellt, bis zu den unzähligen Kollaborationen mit berühmten Rock- und Popmusikern seit den achtziger Jahren und bis zuletzt, ist unmöglich auf engem Raum zu würdigen; auch zum Transport aller Preise und Auszeichnungen, die B.B. King erhielt, bräuchte man wohl inzwischen einen Traktor.

          Aus der Leidensmusik des Blues machte er wie wohl wie kein anderer auch eine stolze Angelegenheit, dies aber nur in Bezug auf den souveränen, eben königlichen Vortrag. Im Bezug auf seine Person war er bescheiden, allerdings hatte der bisweilen onkelhaft niedlich Wirkende es als Womanizer faustdick hinter den Ohren: Fünfzehn Kinder und 50 Enkelkinder soll er haben, und zwar nicht nur von den zwei Frauen, mit denen er verheiratet war.

          Zuletzt lebte er  in Las Vegas, wo er Anfang April wegen eines Schwächeanfalls ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Schon einmal hatte der an Diabetes Erkrankte deswegen eine Tour abbrechen müssen. Auf seinem letzten Studioalbum „One Kind Favor“ (2008) bat er mit dem Song eines anderen großen Bluesmannes, Blind Lemon Jefferson: „Please See that My Grave is Kept Clean“. Nun ist Riley B. King, genannt B.B., im Alter von 89 Jahren in Las Vegas gestorben.

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