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Philippe Zdar (1967-2019) Bild: Picture-Alliance

Zum Tod von Philippe Zdar : Die Asche französischer Flaggen

Er hat die französische Popmusik revolutioniert und Phoenix, die Beastie Boys und Franz Ferdinand produziert. Jetzt ist er bei einem Fenstersturz ums Leben gekommen. Zum Tod von Philippe Cerboneschi, den sie „Zdar“ nannten.

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          Am Sonntag sollte er im Central Park in New York auftreten, unter freiem Himmel. Mit Cassius, seinem Projekt, das er Mitte der neunziger Jahre gemeinsam mit Hubert Blanc-Francard in Paris gestartet hatte. Damals war Paris plötzlich wieder die Hauptstadt der Welt geworden, oder zumindest die Hauptstadt der Popmusik: Etienne de Crécy, Air, Daft Punk, Stardust, Phoenix, das Label Ed Banger - lauter Bands und Projekte, welche die ungebändigte Energie und Freiheit des Punk in die Eleganz einer langen Nacht im Club verwandelten. Und immer, die ganze Zeit, mittendrin, als Boss und Seele: Philippe Cerboneschi, den sie „Zdar“ nannten.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am Mittwoch ist Philippe Zdar aus dem Fenster eines Hauses in Paris gestürzt und gestorben. Ein Unfall, nur zwei Tage vor dem Erscheinen von „Dreems“, dem fünften Studioalbum von Cassius. Was den Riss noch schmerzhafter macht. Denn dort, wo Kritiken dieses sehr guten neuen Elektronikalbums stehen sollten, das zwanzig Jahre nach Cassius’ legendärem Debüt „1999“ erscheint und auf dem Cat Power und der Beastie Boy Mike D. mitgewirkt haben, stehen nun Nachrufe. Die, wie dieser, nach Worten ringen.

          Eben noch, aus guter Laune über die neue Platte und einer nicht kleinen Spur Sentimentalität die zwanzig Jahre alte von Cassius gehört, die damals, an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, eine unwiderstehliche Mischung aus cooler Fortschrittseuphorie und spielerischem Traditionalismus auf den Punkt brachte, wie man sie auch von Daft Punk oder Phoenix kennt. Und liebt. „1999“ war der perfekte Titel für diesen Sound: ein bisschen noch in den Versprechen von gestern, aber schon fast von morgen.

          Einflussreicher noch als mit seiner eigenen Musik ist Philippe Zdar aber durch die Musik anderer gewesen, Zdar hat den französischen Rapper MC Solaar („Caroline“) genauso produziert wie die schottischen Gitarrenpopper Franz Ferdinand. In Zdars Motorbass-Studio in Paris haben Kanye West und Pharrell Williams gearbeitet. Sein größter künstlerischer Erfolg als Produzent dürfte aber „Wolfgang Amadeus Phoenix“ bleiben, das vierte Studioalbum von Phoenix – deren Weg zu einer der innovativsten Popbands der Gegenwart Zdar von Anfang an begleitetet hatte. Für „Wolfgang Amadeus Phoenix“ gab es 2009 einen Grammy Award. Das ist auch schon wieder zehn Jahre her. Eigentlich sollten jetzt Jubiläen gefeiert werden.

          Als Produzent war Philippe Zdar geprägt von den Techniken des Hiphop, wie er überhaupt in seiner Arbeit die Grenzen der Genres hinter sich gelassen hat. Jetzt, angesichts dieses plötzlichen Todes, melden sich die Stimmen aus aller Welt, um Respekt zu bekunden, die von Mark Ronson beispielsweise, ein ähnlich epochaler Produzent wie Zdar: „So fucking sad“, twitterte er. Die Stille auf anderen Kanälen (wie dem Twitter-Account von Phoenix, beispielsweise) ist noch vielsagender. 

          Und was soll man auch sagen. Philippe Cerboneschi, den sie „Zdar“ nannten, und das klingt nicht nur nach Zar, er war auch einer, dieser Zdar ist am Mittwoch im Alter von 52 Jahren in seiner Heimatstadt in Paris gestorben. Er hinterlässt eine Tochter. Und Musik, die im Augenblick auch nicht tröstet. Aber bald wieder.

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