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Zum Tod Malcolm McLarens : Der Pate des Punk

  • -Aktualisiert am

Malcolm McLaren, Foto von 2006 Bild: REUTERS

Er brauchte einfach eine Band, die zu seinen Kleidern passte: Malcolm McLaren, der gerissene Erfinder der Sex Pistols, hat der Popmusik gezeigt, dass man mit Aggression, Dilettantismus und Phantasie viel bewegen kann. Nun ist er im Alter von vierundsechzig Jahren gestorben.

          In der Rockmusik als einer auch auf Bluff, Imponiergehabe und Schwindel angelegten Kunstform kam dem Manager, der sich ums Image kümmerte, erhebliche Bedeutung zu. Berüchtigte und gelegentlich auch ruinöse Figuren sind Colonel Tom Parker, der Elvis Presley betreute, Allen Klein (Rolling Stones und Beatles) oder Robert Stigwood (Cream und Bee Gees). Malcolm McLaren war in dieser Reihe wohl der Schillerndste, bei dem, im Gegensatz zu den meisten übrigen, nie recht auszumachen war, wo der Kunstsinn aufhörte und der Geschäftssinn begann.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Am nachhaltigsten wird er als Manager der Sex Pistols in Erinnerung bleiben, die in Europa bis heute geradezu als Synonym für eine Bewegung gilt, die eigentlich aus Amerika kam: den Punk. Gewiss hätte es diese Musik auch ohne McLaren gegeben, aber kaum mit dieser Durchschlagskraft und diesem selbst in der Geschichte der Popmusik unerhörten Skandalpotential.

          Als vier Musiker mit rattenhaften Frisuren zum silbernen Thronjubiläum von Elisabeth II. im Frühling 1977 auf einem Themse-Schiff den Song „God Save The Queen“ in voller Lautstärke anstimmten, dabei „the fascist regime“ anprangerten und auch noch behaupteten „she ain't no human being“, da wusste auch die nicht an solcher Musik interessierte Öffentlichkeit, dass eine neue Zeit angebrochen war. Die gerissen eingefädelte Attacke auf das Establishment, zu dem auch der nun doch etwas träge gewordene Rockadel zählte, saß; und wenn das Verständnis von Musik seither ein anderes war, so ist dies vor allem McLaren zu verdanken. Man wusste jetzt, dass das Projekt, das die Sex Pistols wesentlich (nur) waren, genauso wichtig war wie die Musik selbst und dass das vermeintlich Minderwertige, der Schund dazu manchmal der bessere und, in einer Zeit, die schon viele Provokationen gesehen hatte, sogar wirkungsvollere Beitrag war.

          Oktober 1978: McLaren verlässt den Manhattan Criminal Court in New York

          Da muss man dann schon rücksichtslos vorgehen

          In der Tat lenkte die rüde Donnermusik der Sex Pistols die Popkultur insgesamt in eine andere Richtung und machte den von McLaren freimütig eingestandenen und seither, als Anti-Punk-Argument, fast sprichwörtlichen Dilettantismus wett durch die Verengung auf einen guerillahaften Aspekt, der den Affront zum Programm erhob. Der Preis dafür war eine relative Kurzlebigkeit des Punk als solchen und der Band, die das Konzept des Scheiterns als Kunstform etablierte und die Mc Laren, „das Genie wie das Arschloch der Punkbewegung“ (so das Magazin „Sounds“), im übrigen ganz abgeklärt sah: „Ich brauchte einfach eine Band, die zu meinen Kleidern passte. Man zerstört, um Dinge zu erschaffen, und da muss man dann schon rücksichtslos vorgehen. Die Sex Pistols waren ein Kunstwerk. Mein Material ist nicht Farbe oder Ton, es sind Menschen. Ich benutze sie, missbrauche sie, manipuliere sie, weil ich an meine Idee glaube.“

          McLaren, der in London geboren wurde, hatte, wie viele Große des britischen Rock, eine Kunststudentenvergangenheit und zählte, hierin ebenfalls nicht einzigartig, den Überdruss, die Langeweile zu seinen Triebkräften. Der am Dada geschulte Museumsgänger eröffnete 1971 mit seiner Lebensgefährtin Vivienne Westwood an der Kings Road ein Modegeschäft, das erst so richtig lief, als es auf Pornowäsche sowie SM-Zubehör umgestellt hatte und ganz evident „Sex“ hieß. Mit seinem Gespür für das richtige Outfit, von dem auch die New York Dolls profitierten, wirkte er genauso stilprägend wie mit einer offen auf Zweitverwertung setzenden, grundsätzlichen Standpunktlosigkeit, die in ihrem Nihilismus freilich höchst produktiv war und die Arbeiterklasse nie aus den Augen verlor. Mit großer Konsequenz hielt er an seiner Überzeugung fest, dass man ein vom Leerlauf bedrohtes System, wie es die Popkultur war, auch voranbringen kann, indem man es mit deren eigenen, kommerziellen Mitteln schlägt.

          Erneut machte er eine amerikanische Errungenschaft in Europa hoffähig, als er 1981 den Hip-Hop lancierte und mittelbar der Dancefloor-Szene zur Blüte verhalf. Buntscheckige Platten- und Filmvorhaben, die nicht alle verwirklicht wurden, hielten ihn auch danach im Gespräch; jedoch scheiterte der bis zuletzt unkonventionell-aufsässig Gesinnte vor zehn Jahren bei der Londoner Bürgermeisterwahl mit seiner Idee, Bordelle neben dem Regierungsgebäude einzurichten und in Bibliotheken Bier auszuschenken. Nun ist sein wichtigstes Projekt zu Ende gegangen: Am Donnerstag ist Malcolm McLaren vierundsechzigjährig in der Schweiz gestorben.

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