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Zum Tod von Phil Spector : Der Klang seiner Neurose

  • -Aktualisiert am

Zu der Zeit, als er zu einem der wichtigsten Popmusik-Produzenten auftstieg: Phil Spector in den sechziger Jahren Bild: Picture-Alliance

Maßlosigkeit und Gewalt eines exzessiven Menschen: Zum Tod des Musikproduzenten Phil Spector, der die „wall of sound“ schuf, das Letzte aus der Popmusik herausholte und wegen Totschlags verurteilt im Gefängnis starb.

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          Wenn es einen Produzenten gibt, der die uramerikanische Maxime bigger than life verkörpert, dann ist dies ein anderthalb Meter großer Mann aus der Bronx. Phil Spector, der dort am 26. Dezember 1939 zur Welt kam, hat die Popmusik nicht erfunden – aber das Letzte aus ihr herausgeholt, indem er, beinahe buchstäblich, alles in sie hineingepackt hat: jedes Instrument mehrfach oder, vor allem die Streicher, gleich dutzendweise, viele Hintergrundsänger, dazu Arrangements, die nicht den Eindruck erweckten, als wären sie von jemandem geschrieben worden, den die Angst vor zu vielen Noten plagt. Dies alles wurde, Klangspur um Klangspur, aufgetürmt wie die damals, um 1960, in Mode gekommenen Bienenstockfrisuren.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          So entstand der seither sprichwörtliche wall of sound, der die gegenteilige, rockistisch-puristische Maxime „You can’t beat two guitars, bass, and drums“ widerlegte, lange bevor Lou Reed sie in die Welt setzte. Phil Spector, Musiker bis in die Haarspitzen seiner Toupets, nur eben kein ausübender, wird gespürt haben, dass auch die Popmusik am wirkungsvollsten nach dem Prinzip von Überbietung und Übertreibung funktioniert und dass man, wie in den klassischen, ebenfalls mit Schichten operierenden Technicolor-Filmen, gar nicht dick genug auftragen kann.

          Dies und die Halleffekte, die er noch beigab, ergaben das, was man treffend „Teenager-Symphonien“ nannte, dreiminütige Melodramen, die das Denken und vor allem das Fühlen von Menschen, die sich vom Leben noch etwas erwarteten, in Glanz und Elend überwirklich und schon deshalb überwältigend zum Ausdruck brachten.

          An ihrer Großspurigkeit kann man diese Musik sofort erkennen; man höre nur die beiden Songs, mit denen Spector 1963 vollends die Schallmauer durchbrach: „Be My Baby“ von den Ronettes und „Then He Kissed Me“ von den Crystals; dann, die Erfindung des blue-eyed soul, „You’ve Lost That Loving Feeling“ von den Righteous Brothers und schließlich „River Deep, Mountain High“ (1967) von Tina Turner, das auch deswegen ein Kunststück ist, weil Spector dafür den nicht weniger egomanischen Ike einfach aussperrte. Diese Aufnahme war, obwohl kommerziell absolut enttäuschend, der Höhepunkt und schon der Anfang vom langen Ende; höher und weiter ging es einfach nicht mehr.

          Dass Spector danach „der Produzent der Beatles“ wurde, stimmt nicht ganz. Die Beatles hatten ja einen, der auch viel besser zu ihnen passte; Spector war von John Lennon, dessen erste Soloplatten er dann genauso produzierte wie George Harrisons opus magnum „All Things Must Pass“, nur angeheuert worden, um an „Let It Be“ letzte Hand anzulegen, was ihm allerdings missriet und Lennons Bruch mit Paul McCartney zusätzlich beförderte. Jedoch liefen unter seiner Leitung alternde Solokünstler wie Dion DiMucci und Leonard Cohen noch einmal zur Hochform auf. Die Methode mochte längst ausgereizt sein, aber der orchestrale Zauber verfing wieder.

          Es wäre wohl etwas schlicht, wollte man den unerhörten Zuschnitt, dem Spector die Popmusik so maßstabsetzend unterzog, bloß als Größenwahn begreifen. Er war ein exzessiver Mann, der Musiker manipulierte, im Studio zum Revolver griff und seine Frau Ronnie fast in den Wahnsinn trieb. Seine Musik ist eine Klang gewordene Neurose; Angst und Maßlosigkeit, Paranoia und Gewalt sind aus ihr herauszuhören, aber man spürt: So etwas kann eigentlich nur von einem überempfindlichen Menschen stammen. Diese Schaffenskraft hatte ihre Voraussetzung in einer ungeheuren Reizbarkeit. Vielleicht auch ihretwegen suchte er Zuflucht hinter Klangmauern. Der Perfektionist startete seine Karriere nämlich mit einer sentimentalen Anwandlung: 1958 mit den Teddy Bears und dem Lied „To Know Him Is To Love Him“, dem abgewandelten Grabspruch für seinen Vater.

          Über ihn selbst wird man das wahrscheinlich nicht so ohne weiteres sagen. Phil Spector war vielen Mitmenschen ein Schrecken, seine letzten Jahre verbrachte er in Haft, zu der er wegen Totschlags („second degree murder“) verurteilt worden war: ein absichtlich oder versehentlich ausgelöster Revolverschuss in den Mund einer Schauspielerin nachts in seinem ungeheuren Anwesen nahe Los Angeles – eine Szene wie aus Hollywoods klassischer schwarzer Serie. Der Regisseur Vikram Jayanti hatte jedenfalls genug Material für seinen Dokumentarfilm „The Agony and the Ecstasy of Phil Spector“, die Teil einer Reihe über „American Monsters“ ist. Dieses Kapitel muss jetzt geschlossen werden. Am Samstag ist Harvey Phillip „Phil“ Spector im Alter von 81 Jahren in einem kalifornischen Gefängnis gestorben.

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