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Zum Tod von John Prine : Ein tiefer Blick in das Leben der Gebeutelten

  • -Aktualisiert am

John Prine beim Bonnaroo Music and Arts Festival Bild: dpa

Seine Altersironie mag bitterer Erfahrung geschuldet gewesen sein, aber er zeigte sich schon frühreif weise: Jetzt ist der amerikanische Liedermacher John Prine nach einer Corona-Infektion gestorben.

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          Über Alter und Tod hat John Prine viele Lieder geschrieben. Traurige, als er jung war. Witzige, als er alt war. Das rührende „Hello in There“ auf seinem Debütalbum von 1971 ist ein Appell, Leute auf der Straße mit „hollow ancient eyes“ einfach mal anzusprechen. Das launige „When I Get to Heaven“ auf dem Spätwerk „The Tree of Forgiveness“ (2018) beschwört ein Paradies, das die Vorstellungen der psychedelischen Rockmusik („Eight Miles High“) in einem Country-Traum übertrifft: „I’m gonna smoke a cigarette that’s nine miles long.“ Der Sänger darin plant, im Jenseits einen Nachtclub zu eröffnen, der nach dem Baum der Vergebung benannt ist, und sogar einige Kritiker einzuladen („those syphilitic parasitics“).

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Altersironie mochte bitterer Erfahrung geschuldet sein. Jedenfalls zeigte sich Prine frühreif weise: Schon mit vierzehn schrieb er das abgeklärte „Sour Grapes“, hinter dem allerdings ein gebrochenes Herz hervorlugt. Und ebenfalls bereits auf seinem Debüt fand sich die Erkenntnis, dass das Paradies auf Erden, gelegen im westlichen Kentucky, vom Menschen zerstört worden ist: „Mister Peabody’s coal train has hauled it away.“

          „Paradise“ schrieb Prine für seinen Vater, der aus dieser Gegend stammte. Er selbst wurde in einem Vorort von Chicago geboren und kam bald in Berührung mit dem dortigen „Folk Revival“ der Sechziger. Kris Kristofferson wie auch der Filmkritiker Roger Ebert entdeckten sein Talent für hintersinnige Songtexte und gesungene Geschichten.

          Kritik an der amerikanischen Politik

          Deren Quelle war so tief, dass die Siebziger sechs Alben hervorbrachten, die folgenden Jahrzehnte bis 2005 jeweils drei bis vier. Sie loten oft das Leben der Gebeutelten aus („Christmas in Prison“), nicht zuletzt von Vietnam-Veteranen, wie Prine sie auch selbst aus der Armee kannte („Sam Stone“). Zwei Jahre lang war er in Deutschland stationiert, 1986 nannte er ein Album „German Afternoons“. Prine sparte nie mit deutlicher Kritik an amerikanischer Politik.

          Er hatte große Erfolge, aber auch schlechte Erfahrungen mit der Musikindustrie, so dass er Mitte der Achtziger sein eigenes Label „Oh Boy“ gründete. Hochangesehen unter Musikproduzenten oder bei Schriftstellern, nahm er doch von 2005 bis 2018 kein Album auf, seine Lieder wurden aber in dieser Zeit umso mehr von Kollegen interpretiert, gerade auch jüngeren. Seit einer Krebserkrankung war seine Stimme abgesackt, so dass sie noch erfahrungsgesättigter klang und gut zu den Altersstimmen von Dylan, Cohen und Cash passte, in deren Reihe er als Songwriter würdig steht.

          Man freute sich auf die „Tree of Forgiveness“-Welttournee, die aber wegen seines schon länger schlechten Gesundheitszustands im Winter abgesagt werden musste. Eine hinzukommende Corona-Infektion war auch mit Humor nicht mehr zu überstehen. Am 7. April ist John Prine in Nashville gestorben.

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