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Dolly Parton zum Siebzigsten : Falsche Wimpern und wahre Sternstunden

Beyond compare: Dolly Parton im Juni 2014 beim Glastonbury Festival Bild: dpa

Stimmt: Dolly Partons Herz ist blond. Aber das davon abgeleitete Klischeebild, das alle Welt zu kennen meint, weiß vieles nicht, was zu ihrer Größe gehört. Zum siebzigsten Geburtstag der Songautorin, Country- und Popmusik-Ikone.

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          Es gibt einen unfehlbaren Charaktertest für junge, meist männliche Popmusikgeschmackshuber: Wenn der Plattenbewanderte, den man da vor sich hat, einerseits den toten Johnny Cash anbetet und noch vom letzten Knarzgeräusch dieser unangreifbaren Countrymusic-Institution echte Offenbarungen empfangen zu haben behauptet, aber andererseits Dolly Parton miss- oder gar verachtet, dann handelt es sich um einen Knallkopf.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Massen sind allerdings oft auch nicht gerechter als die selbsternannte Elite: Es soll Leute geben, die „I’ve Had the Time of My Life“ (1987) von Bill Medley und Jennifer Warnes für die bombigste Duett-Sahnetorte der Popgeschichte halten – wer das glauben will, darf die Bee-Gees-Nummer „Islands in the Stream“ in der 1983er Version von Kenny Rogers und Dolly Parton wirklich nicht kennen.

          Dolly Parton Mitte der sechziger Jahre
          Dolly Parton Mitte der sechziger Jahre : Bild: Picture-Alliance

          Die nämlich lehrt das Wahre: Pop ist, wenn Bärte und Dauerwellen sich ineinander verheddern. Ganz frühe Fotos aus den Fünfzigern zeigen Parton freilich ohne ihren Haarhut, als listiges Lächelgör im Rollkragenpulli, mit feschem Kurzschnitt. Später ist die Frisur dann explodiert, auf dass die Künstlerin sich jede Menge pointierte Lebenserfahrung reinstecken konnte – zahllose Spießchen und Spießer etwa, durch deren Spalier eine wie sie ihren lebenslänglichen Spießrutenlauf absolvieren muss: Schon klar, Ihr denkt, ich sei die „dumb blonde“, aber: „Somehow I’ve lived through it“, wie sie der Welt von Feinden bereits 1967 steckte.

          Dolly Parton in den Siebzigern
          Dolly Parton in den Siebzigern : Bild: Archiv

          Es stimmt ja, Dolly Partons Herz ist blond, aber das davon abgeleitete Klischeebild, das alle Welt zu kennen meint, weiß vieles nicht, was zu ihrer Größe gehört. Niemand würde sie zum Beispiel zu den politischen Stimmen im Pop zählen, aber kaum jemand hat den amerikanischen Traum illusionsloser angeschaut als diese Traumfrau so vieler nicht nur amerikanischer (und, nebenbei, nicht nur heterosexueller) Männer: „They let you dream just to watch them shatter / You’re just a step on the Boss man’s ladder“ heißt es in „Nine to Five“ von 1980. Und wie viele, die sie an den falschen Wimpern zu erkennen meinen (über die sie natürlich auch gesungen hat, 2008 auf „Backwoods Barbie“), wissen schon, dass einige der größten Erfolge anderer Leute von Dolly Parton komponiert und gedichtet wurden?

          Mit „I Will Always Love You“ sang und heulte Whitney Houston 1992 die halbe Welt in die Knie - das majestätische Ding ist eine Parton-Schöpfung; und dass die ältere Autorin die jüngere Interpretin aus tragischem Grund überlebt hat, könnte Anlass für tiefgründig-wehmütige Erwägungen darüber sein, dass Klassikerinnen und Klassiker eben Leute sind, die manchmal selbst das überdauern, was sie bei ihren Nachfolgerinnen und Nachfolgern überhaupt erst ermöglicht haben.

          Dolly Parton ist die Patentante von Miley Cyrus und hat dem Kind augenscheinlich den guten Tipp mitgegeben: Sieh zu, dass die Leute über dich reden, aber gib nix drauf, wenn sie’s dann wirklich tun.

          Im Gegenzug dafür hat die Jüngere bei ihrer 2012 aufgenommenen Version des auch von Olivia Newton-John, den White Stripes und den Sisters of Mercy interpretierten 1973er Parton-Standards „Jolene“ eine Ambivalenz aus dem schillernden Kantus herausgeholt, die zwar immer schon drin war, der herkömmlichen Parton-Kundschaft aber wohl nicht mal im Traum eingefallen sein dürfte – vordergründig fleht das Lied eine Rivalin an, der Sängerin nicht den Kerl auszuspannen, darin aber steckt ein weibliches Frauenlob, dem selbst Sappho oder Aphra Behn die Achtung nicht hätten versagen können: „Your beauty is beyond compare / With flaming locks of auburn hair / With ivory skin and eyes of emerald green / Your smile is like a breath of spring.“

          Wer die „Romeo“-Aufnahme aus dem Jahr 1992 hört, bei der Parton als glückliche Glucke von jungen und älteren Küken zwischen Billy Ray Cyrus und Pam Tillis umringt wird, kann sich leicht vorstellen, dass man in Zukunft „Country Music“ als das Genre definieren wird, das sich aus wohlbegründeter Anhänglichkeit von Dolly Parton bemuttern lässt. An diesem Dienstag wird die Lady siebzig Jahre alt.

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