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Müller-Westernhagen 70 : Wann wird der Hering endlich wieder krähen?

Marius Müller-Westernhagen 2016 in Berlin. Bild: dpa

Seine Rolle als Thin White Herring der deutschen Rockmusik hat er exzellent gespielt. Jetzt wird Marius Müller-Westernhagen siebzig. Wird sein großes Spätwerk noch kommen?

          Er ist ein guter Schauspieler. Von 1962 bis 1987 hat Marius Müller-Westernhagen das in manchen Filmen bewiesen, darunter Margarethe von Trottas „Das zweite Erwachen der Christa Klages“ (1978). Erwähnt oder wiederholt wird von diesen Filmen heute leider meist nur noch die Ruhrgebietsklamotte „Theo gegen den Rest der Welt“ (1980), viele von ihnen sind kaum zugänglich.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Rolle als Thin White Herring der deutschen Rockmusik – man denke ans unschlagbare Titelbild seines Debütalbums „Das erste Mal“ (1975) sowie eben die aggressive Ballade „Dicke“ – hat Westernhagen so gut gespielt, dass man ihn völlig damit identifizierte: ein Malocher im Unterhemd, der „mit 18“ in Düsseldorf als Stones-Imitator loslegte, wie es sein Signatur-Song in einem allerdings ganz eigenen, wilden Rock-Timbre („Zum Hühner-Hugo-uh!“) berichtet, und der mit dreißig schon die Schnapssucht in „Johnny Walker“ besang. Ein draufgängerischer Vertreter der kleinen Leute und ihrer Triebabfuhr in ebendieser Rockmusik („Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz“), immer nah am melancholischen Verlierertum („Ich sing den Blues, und Du machst die Wäsche), der manchmal sogar einen Zug zum Hobo-Folksänger hatte („Loch in der Tasche“). Daher auch bei manchen die Enttäuschung über seine spätere Entwicklung zum „Armani-Rocker“.

          Seit den neunziger Jahren, seit ganze Stadien mit ihm schwelgerisch „Freiheit“ oder „Lass uns leben“ sangen, gibt er den Elder Statesman des Deutschrock, er ist in der Verwaltungsphase. Das ist keine Schande für einen, der früh viel geleistet hat. Aber man wird den Substanzverlust im Songwriting auch benennen dürfen. Das letzte überzeugende Studioalbum ist im Grunde „Halleluja“ von 1989, danach kam viel nichtssagender Phrasen-Rock („Krieg“, „Jesus“, „Alphatier“), Revier-Kitsch („Ich bin wieder hier“), irgendwie wohl ironische Schunkelmusik („Willenlos“), die aber auch mit Ironie kaum erträglicher wurde, und schließlich engagierte Schlichtheit („Keine Macht“).

          Was man Westernhagen und seiner Band zugutehalten kann, ist das Bemühen um einen erdigen, traditionelleren Rock-Blues-Sound, der sich von den pervers aufgemotzen Klängen vieler unterscheidet, die heute angeblich „Rock“ spielen, und der live seinem Werk, etwa jüngst bei „MTV Unplugged“, mitunter erstaunlich neue Facetten gibt. Zu seinem heutigen siebzigsten Geburtstag wünscht man ihm, neben guter Gesundheit, er möge vielleicht doch noch mal, krähenderweise, an die Exaltiertheit und den Humor früherer Tage wieder anschließen. Die anderen beiden großen Berühmtheiten der deutschen Rockmusik, Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer, haben auch schon Schwächephasen überwunden, und besonders der Blick ins von Westernhagen musikalisch geliebte Amerika zeigt: Es ist nie zu spät für ein großes Spätwerk.

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