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Polnischer Rapstar : Zugedröhnt durchs Abitur

Gymnasialbildung taugt auch für die Straße: Der Rapper Mata präsentiert sich vor der Schultafel als König. Bild: SBM

Authentischer Star der „Patho-Intelligenz“: Der Rapper Mata trifft den Sound von Polens rebellischer Generation.

          5 Min.

          Mein Homie hat am 1. September Amsterdam gekifft.“ Wer den erfolgreichsten Rap-Song der letzten Monate in Polen entschlüsseln will, kommt mit der Landessprache nicht weit. Ein „Übersetzer“ muss her, der möglichst wenig mehr als achtzehn Jahre alt sein sollte – sonst hat ihm der Slang, der da aus dem Lautsprecher dröhnt, nicht viel zu sagen. Ist er gefunden, kann das Hörverständnis beginnen. Vorhang auf also für den Rapper „Mata“ und seinen bekanntesten Youtube-Clip. Sein bürgerlicher Name lautet Michał Matczak, Jahrgang 2000, Abi-Jahrgang 2019. Der erste Vers des Liedes lautet auf gut Deutsch: „Mein Kumpel hat am 1. September (Schuljahresbeginn) Marihuana geraucht.“

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Der Song, der 25 Millionen Mal angeschaut wurde, gilt inzwischen fast als Selbstporträt einer Generation. Er beschreibt, oft mit drastischen, vulgären Worten, das Leben junger Polen, die gute Oberschulen besuchen, in diesem Fall das elitäre Warschauer Batory-Gymnasium. Ihre Eltern arbeiten hart, geben ihren Kindern gutes Taschengeld, haben aber kaum Zeit für sie; das Leben der Jugendlichen besteht aus Alkohol, Drogen, Sex, Rap – und den Versuchen, all das vor den Lehrern halbwegs zu verheimlichen. „Mein Kumpel hat sich zu Silvester aufgehängt“, heißt es mittendrin beiläufig, das Thema wird nicht vertieft. Der Höhepunkt des Liedes: „Zugedröhnt im Unterricht sind wir die Patho-Intelligenz“. Matas kritische Wortschöpfung „Pato-Inteligencja“ meint eine pathologisch, also krankhaft veränderte Bildungsschicht. In vielen slawischen Völkern hat „Intelligenzija“ (so die russische Variante) einen Wohlklang wie etwa „Bildungsbürgertum“ hierzulande. Doch bei Mata sucht das lyrische Ich einen Ausweg: den Rap, „denn ich hatte schon fuck genug von all dem Warmen und Schönen“, will sagen: von dieser Jugend ohne materielle Sorgen, aber auch ohne Sinn und extreme Selbsterfahrung. „Ich wollte immer Gangsta sein, ich wollte immer aus dem Getto sein.“ Die Inteligencja, eine Schicht mit Mission – aber jetzt zugekifft.

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