https://www.faz.net/-gqz-790v9

ZAZ im Kölner Gloria : Die will nur spielen

  • -Aktualisiert am

Ungestüm, aber nicht wirklich wild: die französische Sängerin Isabelle Geffroy alias ZAZ im Kölner Gloria Bild: Brill, Thomas

Die französische Sängerin ZAZ zeigt in Köln, dass ihre Musik doch nicht so wild ist, wie sie gerne tut.

          2 Min.

          Die Warteschlange der um Einlass ins Kölner Gloria begehrenden ZAZ-Anhänger schlängelt sich um das melancholische Konrad-Adenauer-Denkmal bis fast zum Neumarkt. Schon hier fällt auf: Es sind erstaunlich viele Familien mit Kindern angereist. Was sagt es über die Musik einer Künstlerin aus, wenn Eltern und Kinder einträchtig zu ihren Konzerten strömen? Nun, womöglich gar nichts. Vielleicht aber zumindest, dass ihre Musik dazu angetan ist, im Familienverbund jauchzend durch die Altbauwohnung zu hüpfen. Mancher mag sich solches gar nicht vorstellen wollen, aber mancher ist eben auch ein rechter Griesgram.

          Es gibt so einiges, was empfindsame Menschen an einem ZAZ-Konzert nervig finden können. Da ist zum einen die Tendenz, Spontanität vorzugaukeln, wo tatsächlich routiniertes Handwerk waltet. Da ist die gelegentliche Neigung, hemmungslos Drehleiern und Waschbretter einzusetzen, um Jahrmarktsstimmung zu erzeugen. Da ist das Kokettieren mit dem Rustikalen und Wilden, wo doch die Vorstellung schwerfällt, dass auch nur einer der hier agierenden Bühnenprofis nach dem Auftritt etwas anderes zu sich nähme als Hibiskusblütentee.

          Einladung zum Mitklatschen: ZAZ in voller Fahrt Bilderstrecke

          Da ist auf Seiten des Publikums die Neigung, aus dem Szenenapplaus für ein besonders gekonnt gespieltes Solo sogleich in rhythmisches Mitklatschen zu verfallen. Und da ist auf Seiten der Musiker die Tendenz, solches Mitklatschen und rhythmisches Hin- Und Herwinken auch noch zu befeuern! Doch, Halt: abermaliger Griesgramalarm! Außerdem: Mit Vorbehalten wie den obengenannten hat man heute ohnehin keine Chance, denn Isabelle Geffroy aus dem französischen Tours, die sich ZAZ nennt und seit 2010 eine schon fast beispiellose Karriere hingelegt hat, fegt jeden Vorbehalt mit Schmackes hinweg!

          Gegen halb neun betritt sie die Bühne und lässt vom ersten Moment an keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie gewillt ist, das ausverkaufte Rund in fortgeschrittene Verzückung zu versetzen. Im Zusammenhang mit Menschen wie ihr führen eher temperamentlose Menschen gerne die Vokabel „temperamentvoll“ im Munde: Sie jauchzt, johlt und springt umher, als gälte es, ein Zeichen gegen allzu bleiernes Herumstehen auf Konzertbühnen zu setzen.

          Und tatsächlich: Nach spätestens drei Songs fragt man sich, wann man zuletzt eine solche Ballung von unangestrengtem Charme im Kontext der Popmusikerzeugung bewundern durfte. Man möchte sie am liebsten mit in die Stammkneipe nehmen, um sie seinem gesamten Freundeskreis vorzustellen. Hinzu kommt: ZAZ verfügt tatsächlich über eine beeindruckende Stimme, die ein enormes Spektrum umfasst, gleichzeitig aber von berückender Angeschossenheit ist. Eine Stimme, die alles singen kann: Pop, Jazz, Chanson, Revuestücke, was auch immer.

          Leider singt sie tatsächlich alles, was zwar für Abwechslung sorgt, aber manchmal eben auch den Eindruck von Beliebigkeit hinterlässt. Am besten ist sie, wenn sie dem Jazz einigermaßen nahe bleibt (wie beim Aznavour-Cover „Oublie Loulou“) oder sich zu wirklich großem Pop aufschwingt, Letzteres etwa im Falle der neuen Single „On Ira“, die, wie viele ihrer Stücke, von ihrem Entdecker und Produzentenkollegen Kerredine Soltani geschrieben wurde. Andere Beispiele dafür, dass ZAZ und ihr Produzent ein gutes Händchen für Pop-Angelegenheiten haben, sind das donnernde „Déterre“ und das luftige „Gamine“, das an Glanzmomente des französischen Strandschirmschlagers erinnert.

          Mit zunehmender Konzertdauer lässt sich auch die sechsköpfige Band vom Temperament ihrer ungebremst umherspringenden Frontdame anstecken, das routinierte Begleitspiel gerät freier und spontaner. Die Musik wird aber letztlich nie so wild und ungestüm, wie sie zu sein vorgibt; der folklorisierte Chanson-Pop von ZAZ bleibt immer nett - was dann womöglich auch den großen Zuspruch ganzer Familien erklärt. Im Sommer wird ZAZ für einige Freiluft-Auftritte wieder nach Deutschland kommen. Man sollte schon mal die Familien-Picknickdecke bereitlegen.

          Weitere Themen

          Das Virus und die Wahrheit

          Corona in Italien : Das Virus und die Wahrheit

          Wenn die Argumente und Vorwürfe der politischen Farbenlehre folgen: Die italienische Regierung will in der Covid-19-Krise festlegen, was Fake News sind. Das weckt Argwohn.

          Topmeldungen

          In der indischen Stadt Ahmedabad nimmt ein Arzt einen Abstrich von einem möglicherweise erkrankten Patienten.

          Indien : Die Apotheke der Welt öffnet ihre Tür

          Nach den Drohungen des amerikanischen Präsidenten exportiert Indien nun doch wichtige Corona-Medikamente an bedürftige Länder. Die Tür zur Apotheke der Welt ist aber nur einen Spalt breit geöffnet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.