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Youtubes „Artists to Watch“ : Was hören die Leute da draußen eigentlich?

Moli singt, dass ihr alles sehr leid tut, sieht dabei aber gar nicht so aus. Bild: Youtube

Youtube empfiehlt zehn Künstler für 2019, die im Netz groß rauskommen sollen oder es schon geschafft haben: Eine Liste, die viel über die Nischen und Wunderlichkeiten des Soundcloud-Zeitalters verrät.

          Früher nahm mich meine Cousine mit auf Rockkonzerte, wenn sie gut gelaunt war. Zwei Jahre älter als ich, spielte sie schon Schlagzeug, als ich noch Sonatinen am Klavier übte, hörte Musik, die mir auch gefiel, und so formte ich meinen Geschmack nach ihrem Vorbild, bis später andere kamen. Neulich erzählte sie mir von einer Band, deren Namen ich noch nie gehört hatte. Ich wunderte mich. Unsere musikalischen Welten hatten sich über die Jahre voneinander entfernt. Was Apple Music ihr empfiehlt, gelangt nicht in den „Mix der Woche“, den Spotify mir anzeigt.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Musikhörer, die auf Onlineplattformen stöbern, statt endlose Media Markt-CD-Regale abzusuchen, wenn sie sich für neue Künstler interessieren, leben in ihren eigenen musikgeschmacklichen Blasen, die einander immer seltener berühren. Soundcloud-Künstler, das sind vor allem auch jene, die in ihren privaten, improvisierten Studiokellern Musik für Menschen machen, die ihnen ähneln, die man nie zu hören bekommt, wenn man keine Lust auf Stilexperimente hat. Die Frage, was die Leute da draußen eigentlich hören, lässt sich deshalb schon lange nicht mehr so leicht beantworten.

          Smalltalk am Bahnsteig

          Youtube bemüht sich gerade wieder einmal um eine schlaglichtartige Orientierungshilfe. Auf der neuen Plattform „Artists to Wacht“ stellt der Musik-Streaming-Dienst Youtube Music zehn Künstler vor, die „Musikfans 2019 im Auge behalten sollten“. Die Liste wurde „unter anderem“ aus den Klickgewohnheiten von Nutzern generiert. Es sind darunter Musiker aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, aus den Vereinigten Staaten und Australien – eine Art modernes Radioformat, nur ausdifferenzierter und angesagter als SWR 3 oder Antenne Bayern.

          Den zehn empfohlenen Künstlern hat Youtube noch ein paar neue Titel zur Seite gestellt, die von Oktoberfest-Hits („Cordula Grün“) über Lieder, bei denen man sich fragt, ob Song- und Bandname gleichzeitig bei einer Tasse Kamillentee auf dem Sofa entstanden sind (Nie und Nimmer, „Foto im Regal“) bis zu ziemlich grandiosen Fusion-Tanzstücken wie „You and Me“ der Hamburger Techno-Marching-Band Meute reichen und sich auf zwei Stunden und 55 Minuten Genrechaos samt Videos summieren – nützliches Material für die nächste Abiturfeier, WG-Party oder Gesprächsgrundlage für das Warten neben angeödeten Jugendlichen am Bahnsteig, wenn die S-Bahn ausgefallen ist.

          Grob lässt sich die Musik, die Youtube für beobachtungswürdig hält, in drei Kategorien einteilen, in dieser Reihenfolge von erwartbar bis disruptiv: Rocksongs hübscher, sehr junger Männer mit ungekämmtem Haar (The Faim, Tom Gregory, Bruckner, Dean Lewis), Cloud- und Straßenrap (Kelvyn Colt, Mero) und sehr eigenwillige Ermächtigungssongs von Frauen (Ava Max, Moli, Mathea).

          In der ersten Kategorie überrascht immerhin, wie wenig sich seit dem letzten Jahrtausend verändert hat. Die jungen Männer singen und flehen mit brüchigen Stimmen, mal sanft, mal drängend, werden beim Fäusteballen und Haareraufen von langhaarigen, zarten Mädchen begleitet, die ihnen als Ersatz für vergangene Boygroup-Zeiten wie Geister folgen und an die sie ohne Unterlass denken. The Faim, eine australische Rockband aus Perth, lässt ihren Leadsänger Josh Raven bei fünfzehn Flaschen Corona und einem Joint Millionen von Sternen am Himmel singen, wie sie nur das australische Outback zu bieten haben kann, dann wird es dramatisch, wegen der Cops muss seine Liebste fliehen und Raven stellt fest: „So much fun, what a sad way to end.“ Tom Gregory, Longboardfahrer aus Nordengland, besingt mit „Honest“ eine Frau, in deren Anwesenheit er trinken kann, solange er will, ohne einen Kater zu bekommen. Im Musikvideo lächelt er entrückt. Der Umstand, dass sie ihn rund um die Uhr glücklich macht, geht unter anderem darauf zurück, dass sie ihn beim Öffnen einer Weinflasche beklatscht und ihn nachts nicht allein mit einem funkelnden Elektroroller nach Hause fahren lässt.  

          Bei den deutschen Jungsbands, die es zusätzlich auf die Liste geschafft haben, ist das Ausgangsszenario (sehnsüchtige oder verzweifelte Liebe, nachdenkliche Rekapitulation der gemeinsamen Zeit) ganz genauso, nur dass hier weniger Larmoyanz auf mehr Ibuprofen trifft: „Und dann bist da du, “ beobachtet der Regensburger Singer-Songwriter Jakob Bruckner, und: „Auch wenn nichts für immer bleibt, es wird für immer so gewesen sein.“ Aha.

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