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Youtubes „Artists to Watch“ : Was hören die Leute da draußen eigentlich?

Nun zum Rap. In den Jahresscharts 2018 stammte ein Fünftel der erfolgreichsten Singles von Rappern, was einen Journalisten im „Neon“-Magazin nicht davon abhielt, das mangelnde Interesse der „Mainstream-Medien“ am Hiphop zu beklagen. Die von Youtube ausgewählten Titel gehören zu den bekannteren auf der Liste, es sind gute, düstere, ernste darunter (Kelvyn Colt, „Love & Hate“), musikalisch anspruchsvolle („Standard“) und solche, die immerhin als unterhaltsam durchgehen dürften. In „Standard“ rappen Gzuz, Trettmann, Ufo361 und Gringo gemeinsam, leider von Frauen, die süß wie Baklawa sind und „Bitches“ mit riesen Hintern, aber es lohnt sich, angestrengt wegzuhören, um noch etwas von der fabelhaften Mischung aus heftigen Bässen und Dancehall zu haben, die allein dem Produzententeam Kitschkrieg zu verdanken ist.

Kelvyn Colt, in Wiesbaden aufgewachsen, und Mero aus Rüsselsheim sind zwei, die über ihr Leben zwischen Sprachen und Kulturen singen. Der erste versonnen und schon sehr erfolgreich (die Musikvideo-Plattform „Vevo“ hat ihn in eine Liste internationaler Künstler aufgenommen, denen sie nächstes Jahr den Durchbruch zutraut), der zweite sehr stolz, dass er es mit seinen Handyvideos so weit geschafft hat und jetzt vor anständig motorisierten Autos, Hochhäusern und Freunden mit Sturmhauben posen darf: „Für dich ist Mero seine Liga viel zu hoch“. Mero ist in diesem Jahrtausend in Rüsselsheim geboren. Sein erster offizieller Track, der den reizvollen Titel „Baller los“ trägt, schaffte es auf Platz eins der deutschen Trend-Charts.

Mero mit seinen 800.000 Followern war Influencer, bevor er Musiker wurde. Loredana, die Schweizerin, die jetzt mit ihrem Freund und einem ihrer Lieblingsaccessoires in der Hand (Pistole oder Gewehr) rappt („Wir kommen und shooten aus dem Siebener“), auch: „Sie veröffentlichte vor allem Selfies, die sie mit ihren verschiedenen Outfits zeigen. So gewann sie etwa 100.000 Abonnenten“, steht in ihrem Wikipediaeintrag. Vor zwanzig Jahren hätten sie wahrscheinlich nicht mit der Musik angefangen. 2019 haben sie ihre eigene Wirkungsnische gefunden.

Und dann gibt es die Frauen auf der Youtube-Liste, die für ihre innere Zerrissenheit andere Ausdrucksweisen suchen als Haareraufen. Die Amerikanerin Ava Max veröffentlichte im August den Song „Not Your Baby Girl“, der als Werbesong der Musikapp TikTok bekannt wurde. Kinder und Jugendliche laden dort selbstgedrehte Filme hoch, auf denen sie Songs im Playback vortragen – eine ganz eigene, erwachsenenfreie Blase. „Sweet but Psycho“ schlägt Youtube jetzt von Ava Max vor, sie singt dort „At night she's screamin' / I'm-ma-ma-ma out my mind“ und erwägt dazu, ob sie ihren untreuen Geliebten lieber mit einer Axt oder einem Baseballschläger empfangen will, wenn er zum Abendessen vorbeikommt.

Mathea, zwanzig Jahre alt und aus Salzburg, erzählt in „Zweimal“ die Lehren aus einer frustrierenden Liebesgeschichte, klingt dabei sehr cool („Man sieht sich immer zweimal und mir wäre lieber keinmal“) und so trotzig, dass reichlich Identifikationspotenzial für selbstbewusste Zwanzigjährige bleibt, denen dennoch daran gelegen ist, was die eigene Mutter von ihren Tinder-Bekanntschaften hält. Und Moli, britisch-belgische Singer-Songwriterin, trägt in einer Mischung aus Britney-Singsang und Nelly Furtado-Quäken eine Entschuldigung vor, die nicht besonders reumütig klingt: „I'm sorry if I tracked you down, oh / Don't fight, I don't wanna fight / You're acting kinda crazy now, oh / You lied, maybe I lied“.

Viele dieser neuen Künstler haben keine Websites, von Tourdaten liest man auf ihren Instagram-Kanälen nichts, dafür umso mehr über die Kaffeesorten, die sie mögen, ihre Lieblingsfarben und die Freunde, die sie treffen. Ihre Musik stellen sie auf ihr Soundcloudprofil und auf Youtube. Vielen von ihnen begegnet man nur dieses eine Mal. Die wenigen Übrigen klettern vielleicht irgendwann aus ihrer Blase.

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