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Yardbirds : Das Gasthaus an der Themse

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Eric Clapton war eines der frühen Mitglieder der Yardbirds Bild: AFP

Die Yardbirds, Urmutter des englischen Bluesrock und Heavy Metal, feiern goldene Hochzeit. Zu diesem Jubiläum kehren sie an den Ort ihres ersten Triumphs zurück.

          Literarische Wurzeln des britischen Bluesrock? Schon in Charles Dickens’ Roman „Nicholas Nickleby“ (1838/39) nimmt einer der Charaktere ein Dampfboot zum „Eel Pie Island Hotel“ auf der kleinen Insel in der Themse bei Twickenham, „um bei kaltem Imbiss und Flaschenbier zu feiern und zur Musik einer ‚locomotive band‘ zu tanzen“. Natürlich konnte Dickens nicht ahnen, dass hier einhundertfünfundzwanzig Jahre später ein musikalisches Erdbeben seinen Lauf nehmen sollte. Bis dato war das Hotel mit angeschlossener Dance Hall allenfalls für „Grand Jazz Band Balls“ genutzt worden, und noch in den Fünfzigern galt es als Treffpunkt lokaler Jazztraditionalisten.

          Doch am 30. Juni 1963 betrat eine Gruppe die Bühne des Eel Pie Island Hotel, die Dickens’ Vorstellung von einer „locomotive band“ wahr werden ließ: The Yardbirds. Der erst fünfzehnjährige Gitarrist Anthony „Top“ Topham hatte kurz zuvor mit seinem Freund Chris Dreja den Sänger und Mundharmonikaspieler Keith Relf, den Bassisten Paul Samwell-Smith und Jim McCarty am Schlagzeug zur Gründung einer Band überredet, die den ruppigen Chicago-Blues von Muddy Waters und Howlin’ Wolf mit den Popströmungen jener Jahre versöhnen wollte. Eine beispiellose Erfolgsgeschichte begann: Im folgenden Oktober löste Eric Clapton den für eine professionelle Rockkarriere wohl doch noch zu jungen Topham ab. Nach Claptons Ausstieg übernahm der Feuerwerker Jeff Beck im März 1965 die Leadgitarre, sein Nachfolger Jimmy Page ließ dann im Oktober 1968 aus den New Yardbirds die Supergruppe Led Zeppelin entstehen. Dabei erwiesen sich die Yardbirds nicht nur als Geburtshelfer späterer Rock-Ikonen: Indem sie das Ausdruckspotential elektrifizierter Gitarren um „Feedback, Fuzztone&Sustain“ radikal erweiterten, schufen sie die Basis für experimentellen Psychedelic-Rock ebenso wie für den mit Power-Chords infizierten Heavy Metal.

          Party ohne „Big Three“

          Anlässlich ihres fünfzigsten Bühnenjubiläums kehrten die Yardbirds jetzt an den Ort ihres ersten Triumphs zurück. Zwar musste das Eel Pie Island Hotel schon 1971 einer Bootsbauhalle weichen, doch der Eel Pie Club richtete die Geburtstagsparty in der St. George Suite des Twickenham-Stadions aus. Mag manch einer der rund sechshundert Gäste anfangs bedauert haben, dass Clapton, Beck und Page an diesem Gedenkkonzert nicht teilnahmen, so machte der Verlauf des Abends die Abwesenheit der „Big Three“ zunehmend vergessen. Das lag vor allem an einem Mann: Dem neunundzwanzigjährigen Leadgitarristen Ben King - von vielen schon als der nächste Jeff Beck und größte Bluesrock-Hoffnung Englands gehandelt - gelang es mühelos, an die Verdienste der Heroen anzuknüpfen und ihre musikalischen Vorleistungen weiterzutreiben.

          Schon im einleitenden „Train Kept A-Rollin’“ demonstriert er die lautmalerische Kraft seiner Fender-Telecaster-Gitarre, die das unaufhaltsame Vorwärtsdonnern des Zugs in pure Klangpräsenz übersetzt. Durch seine „sprechende“ Spielweise lässt er jedes Solo wie eine perfekt konstruierte Kurzerzählung klingen. Und der fast siebzigjährige Jim McCarty macht nicht nur im drängenden „Drinking Muddy Water“ klar, dass sein treibendes Schlagzeugspiel noch immer für die Schubkraft der Band sorgt. Sänger und Harp-Virtuose Andy Michel haucht alten Yardbirds-Gassenhauern wie „Heartful of Soul“ oder dem gregorianisch-gespenstischen „Still I’m Sad“ neuen Atem ein, während der junge David Smale am Bass für ungewohnte Gelenkigkeit sorgt.

          Der Abend entpuppt sich als eine wilde Wette auf die Zukunft: „For Your Love“ etwa, die Hit-Single von 1965, wegen deren kommerziellen Potentials der Blues-Purist Clapton die Yardbirds verließ, wird jetzt von King und seinen Mitstreitern mit historisch genauem Bewusstsein um jenes beseelte Blues-Solo erweitert, das Clapton damals erwartet hätte. Auch in „Happening Ten Years Time Ago“ - ein Stück wie ein Autounfall mit musikalisiertem Verkehrschaos - setzt King mit seinen Geräuschmelodien zielgenau dort an, wo Beck/Page ihr damals revolutionäres Solo beendeten. Seine volle Meisterschaft spielt King aber in „Dazed and Confused“ aus, wo er die berühmten Geigenbogen-Sounds von Jimmy Page allein durch präzise kontrollierte Feedback-Gesänge erzeugt und in neue harmonische Sphären befördert.

          Ur-Yardbird Top Topham lässt es sich nicht nehmen, sich mit seinem gerade halb so alten Nachfolger zu duellieren. Seine delikaten Akkordrückungen nach dem Motto „Weniger ist mehr“ machen „Dream Within a Dream“ zu einer hypnotischen Offenbarung. Wechselnde Besetzungen mit ehemaligen Bandkollegen wie dem Harmonika-Virtuosen Alan Glen oder dem charismatischen Sänger John Idan sorgen für gruppendynamische Abenteuer. Am Ende des denkwürdigen Abends mündet „I’m A Man“ in eine wilde Jam-Session. Himmlisches Hupen und diabolisches Fauchen erfüllt den Saal und macht deutlich: Die lodernde Fackel von einst wurde an die übernächste Generation weitergereicht, und so kommt es, dass die Yardbirds auch nach fünfzig Jahren für kompromisslosen „21st Century Blues“ stehen.

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