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Jazzpianist Michael Wollny : Musik mit ganz neuen Spielregeln

  • -Aktualisiert am

Wollny, Parisien, Lefebvre, Lillinger – Konzert im A-Trane in Berlin Bild: Stefanie Marcus

Wenn vier Männer wie Figuren in einem Videospiel durch die Musik laufen: „XXXX“ heißt die neue magische Platte des Jazzpianisten Michael Wollny, die er mit Emile Parisien, Tim Lefebvre und Christian Lillinger aufgenommen hat.

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          Es kostet Mut, alle Sicherheitsvorrichtungen aufzugeben und einfach so zu springen, ohne Fallschirm“ – dieses etwas schiefe, aber doch schöne Bild prägte der Gitarrist Carlos Santana einmal. Da wurde er nach der Platte „Bitches Brew“ gefragt, die Miles Davis im Jahr 1970 veröffentlichte. Ein umstrittenes Album, das keinen Regeln zu folgen schien. Der berühmte Trompeter hatte eine Hand voll Musiker ins Studio eingeladen, ihnen aber keine Noten gegeben, sondern nur gesagt: „Play What You Hear“ – spielt nach Gehör. Und dann waren all diese Weltmeister des Jazz ratlos. Zunächst. Am Ende wurde es ein Meisterwerk.

          Musik ohne Regeln. Musik, die ihren Sinn selbst erfindet und sich selbst ihre Grundlage gibt: Seltene Momente, wenn es gelingt. „Leucocyte“, die letzte Platte des Esbjörn Svensson Trios vor 13 Jahren, war so einer. Und jetzt ist es wieder einmal so weit. Das Album „XXXX“ ist erschienen, die neue Platte des deutschen Jazzpianisten Michael Wollny.

          Dieses deutsche „Bitches Brew“

          Sie fängt an mit unheimlichem Klopfen und Krachen, heulenden Schauergeräuschen und einem Zischen wie von einer künstlichen Lunge. Ist das der Kommentar der Musik zur Corona-Krise? Becken und Hi-Hats mischen sich ein, vibrierende Synthesizer, und dann marschiert ein Beat los, das Saxofon wirft ein Thema herein, der Bass spielt ein Ostinato in hohen Lagen. Und man ist mittendrin. In einer Welt, die aus Science-Fiction-Film, Edgar-Allan-Poe-Hörbuch, Videospiel, Krautrock oder 1970er-Fusion-Musik stammen könnte. Musik, auf die das Ohr sich einlassen muss. Die dann aber zu einem Trip wird, von dem man nie weiß, wohin er als Nächstes führt.

          „XXXX“, dieses deutsche „Bitches Brew“, ist das neue Projekt des Jazzpianisten Michael Wollny. Er ist Professor an der Musikhochschule Leipzig, und Professor, das passt natürlich, aber eigentlich eher als mad professor, denn der 44-Jährige wirkt immer ein bisschen wie nicht von dieser Welt, gern leicht abwesend und dennoch immer zum nächsten Geistesblitz bereit, besonders, wenn er am Klavier sitzt. Wollny war schon auf dem Cover des Downbeat-Magazins abgebildet, das ist im Jazz das Signal dafür, dass einer ganz oben angekommen ist. Von dort aus kann man dann offenbar die improvisierte Musik auf ein neues Level heben.

          Alleskönner Tim Lefebvre

          Zum Beispiel, indem man eine ziemlich verrückt wirkende Band zusammenstellt. Christian Lillinger etwa gilt als Freigeist am Schlagzeug, spielt auf allem, was er findet, nicht nur Trommeln, und schraubt sich gern in verwirrende Ekstasen hinein. Am Saxofon spielt Emile Parisien mit, der sich ganz von allen Stil-Diktaten gelöst hat und sein Instrument eher für Sound-Wellen benutzt, die seine Hörer überrollen. Und der Bassist ist der Alleskönner Tim Lefebvre.

          „Meine Idee war, jeder soll improvisieren, sich einfach wohlfühlen und seinen musikalischen Ideen nachgehen“, sagt Wollny. Und Tim Lefebvre erklärt: „In diesen ganzen acht Stunden, die wir aufgenommen haben, wusste ich vielleicht zehn Minuten lang einmal nicht, was ich machen soll. In der ganzen restlichen Zeit ergab sich das immer ganz logisch. Sehr ungewöhnlich!“ Beide haben sich zum Zoom-Call zusammengeschaltet und lachen viel, wenn sie über ihr aktuelles Album sprechen. Es basiert auf vier Abenden im Berliner Jazzclub A-Trane. Als sie auf die Bühne trat, hatte die Band nichts abgesprochen, nichts geprobt, und Noten gab es auch nicht. Niemand wusste, wie es klingen würde und ob es überhaupt funktioniert. In Atlanta hat Wollny aus den Liveaufnahmen der vier Abende ein Album gemischt, dort im Studio entstand „plötzlich eine Geschichte, eine Erzählung“.

          Der Bassist Tim Lefebvre, der eine tragende Säule der Aufnahme ist, hat durchaus schon mit Bekannteren gespielt. David Bowie bat ihn für sein letztes Album „Black Star“ an den Bass. Für ihn selbst sei das sicherlich ein „unglaublicher Karriereschub“ gewesen, sagt Lefebvre, an den er gern zurückdenkt. („David hatte nie Endings, er schrieb seine Songs einfach ohne Schluss, da ließ er uns, also die Band immer machen, wie wir wollten.“) Warum trotzdem mitspielen, wenn ein deutscher Jazzer zu einem Album bittet, das sicher nicht Millionen Käufer findet? „Michael ist einer der besten Musiker, die ich je gehört habe. Wenn er mich irgendwo dabeihaben will, dann komme ich“, sagt er. „Wenn alle für sich Topmusiker sind, muss noch lange nicht das gemeinsame Projekt gut werden. Aber hier war es so. Das war ein magisches Projekt.“

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