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Wüstenblues von Mdou Moctar : Gaddafi, wem hast du Afrika anvertraut?

  • -Aktualisiert am

Gitarre spielt er mit links: Mdou Moctar (hier allerdings ohne sein Instrument, 2. v.r.) mit seiner Band Bild: Beggars

Wenn aus Klage Anklage wird: Der nigrische Gitarrist Mdou Moctar spielt auf seinem Album „Afrique Victime“ aufgeklärten Wüstenblues mit psychedelischen Untertönen.

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          Was haben Fahrräder mit Gitarren zu tun? In der konservativ-muslimischen Familie von Mdou Moctar war Musik verpönt. Sie galt als sicherer Weg in ein sündiges Leben. Also musste sich der Elfjährige heimlich aus einem Stück Holz und den Seilzügen von den Bremsen alter Fahrräder seine erste Gitarre bauen. „Musik ist in Niger keineswegs verpönt. Nur in meiner strenggläubigen Familie galt sie als Teufelswerk, niemand von uns spielte ein Instrument. Als ich mit der Gitarre anfing, waren meine Eltern überzeugt, ich würde unweigerlich drogensüchtig, alkoholabhängig und kriminell“, erinnert sich Moctar heute in einem Interview. Damals verehrte er ganz profan Gitarristen wie Abdallah Ag Oumbadougou aus Niger und Ali Farka Touré aus Mali als seine weltlichen Herrscher.

          Inzwischen gilt der hochgewachsene Mann aus der Niger-Stadt Agadez als aufregendster Verfechter des Tuareg- oder Desert-Blues. In dieser Stilrichtung, im Original als „Tishoumaren“ bezeichnet, kommen Themen aus der nomadischen Kulturtradition ebenso zur Sprache wie die desolate Exilsituation der Tuareg im postkolonialen Afrika. Nicht zufällig leitet sich die Stilbezeichnung „Tishoumaren“ vom französischen „chômeur“ ab, was so viel wie „die Arbeitslosen“ bedeutet. In der traditionellen Musik der Tuareg finden sich nur akustische Instrumente.

          Fusion aus Bluesrock und Tuareg-Musik

          Erst mit der Band Tinariwen aus Mali kamen Ende der Siebzigerjahre elektrische Gitarren hinzu. Die Fusion aus amerikanischem Bluesrock und Tuareg-Musik verbreitete sich Anfang der Achtzigerjahre als originärer Musikstil im nördlichen und westlichen Afrika. Mit seinem innovativen Gitarrenspiel gilt Mdou Moctar heute als „Hendrix der Sahara“ – ein Ehrentitel, dem er auf seinem neuen Album „Afrique Victime“ mehr als gerecht wird.

          Zunächst simmern die Songs auf kleiner Flamme, bevor sie auflodern und eine betörende Hitze verbreiten. Zyklische Kompositionen mit repetitiven Riffs vertrauen auf betörende Einfachheit. Immer wieder schleichen sich psychedelische Untertöne in die Stücke. Der ternäre Beat führt häufig dazu, dass sich die Musik wie eine verzauberte Schlange wiegt. Dabei singt Mdou Moctar in einer Sprache, die gerade mal von einer halben Million Menschen gesprochen wird. Und dennoch besitzt sein Blues eine universelle Verständlichkeit.

          Mit achtzehn wanderte er als Arbeitsmigrant nach Libyen aus, um unter anderem als Wassersucher in der Sahara und später als Soldat in der Armee von Muammar al-Gaddafi Geld für seine Familie zu verdienen. 2005 kehrte Moctar nach Agadez zurück und beschloss, sich als Profimusiker zu versuchen – zunächst auf Familienfeierlichkeiten und Hochzeiten. Damals war es in der Republik Niger unter Jugendlichen üblich, Musik auf Speicherkarten von Mobiltelefonen zu tauschen. So wurden die Songs von Moctars Debütalbum „Anar“ von 2008 in Netzwerken schnell sehr bekannt. Als der Amerikaner Christopher Kirkley so eine Speicherkarte in die Finger bekam, war für ihn klar: Er musste Moctars Agent und Produzent werden. Erstmals hörten westliche Musikfans 2011 auf der Kompilation „Music from Saharan Cellphones“ die neuen Klänge. Kirkley war es auch, der Moctar eine heiß ersehnte Fender Stratocaster für Linkshänder aus den Vereinigten Staaten mitbrachte.

          Bohrend und hypnotisch

          Der oft metallisch wirkende Sound der E-Gitarre ist bohrend und hypnotisch zugleich. Mit silbrig schimmernder Flattertechnik produziert Moctar endlose Notenschwärme, die sich vom Griffbrett erheben. Der Zeigefinger seiner linken Hand attackiert – fast unsichtbar – rasend schnell die Saiten, während die rechte unaufhörlich Hammer-on-Ketten knüpft. Der Tuareg-Troubadour beherrscht die Tapping-Technik eines Eddie Van Halen ebenso, wie er die rhythmische Wucht von Prince besitzt. Ob in sanft treibenden Liebesliedern oder flammenden Protestsongs – immer wieder verzahnt Moctar akustisches Gitarrenspiel mit puren Sound-Explosionen.

          Fast unmerklich nehmen die Stücke Fahrt auf, legen an Tempo zu und ziehen den Hörer in einen Sog bleierner Lässigkeit. In klassischer Call-and-Response-Technik antwortet der Rest des Quartetts auf Moctars durchdringende Leadstimme. Im siebenminütigen Titelsong von „Afrique Victime“ singt er: „Afrika ist Opfer so vieler Verbrechen. Wenn wir schweigen, wird es unser Ende sein.“ Und Moctar fragt sich: „Oh Gaddafi, wem hast du Afrika anvertraut?“ Er klagt die Ausbeutung seines geliebten Heimatkontinents durch multinationale Bergbaukonzerne ebenso an wie den fundamentalistischen Terror von Milizen. „Es wird immer schwieriger, in Niger zu überleben, Boko Haram macht verstärkt Jagd auf Künstler, um sie zu töten“, sagte Moctar vor Kurzem dem Magazin New Noise. In anderen Liedern fragt er, warum die hoffnungsfrohe „Jasmine Revolution“ in Tunesien von 2010 sich nicht über den ganzen Kontinent ausbreiten konnte. Doch er bleibt optimistisch, sein aufgeklärter Desert-Blues werde den Menschen helfen: „Es gibt eine lange Tradition bei den Tuareg. Sie sind Krieger und schöpfen in harten Zeiten ihre Ermutigung und Courage nicht zuletzt aus Musik.“

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