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Doku „Laurel Canyon“ : Kann wahr sein, was so gut klingt?

  • -Aktualisiert am

Auch Joni Mitchell gab sich in „Laurel Canyon“ der Musik hin. Bild: © Henry Diltz

In der Arte-Doku „Laurel Canyon“ erzählen Amerikas Musiker von ihrem berühmten Zufluchtsort. Sie zeichnen das Bild einer Utopie, die harmonischer kaum sein könnte.

          3 Min.

          Es war die richtige Zeit, um eine Band zu gründen.“ Dieser Satz gilt für junge Menschen ja eigentlich immer. Aber selten gab es in der Musikgeschichte Momente, in denen sich der Traum vom kreativen Durchbruch so an einem Ort konzentrierte wie zwischen Mitte der sechziger und siebziger Jahre in einer Schlucht in Los Angeles.

          Der „Laurel Canyon“, dessen Bewohner nun in einer gelungenen Dokumentation bei Arte porträtiert werden, liegt zwischen dem Sunset Boulevard und den Hollywood Hills. Hier lebten Musiker, ohne die das Amerika von heute wohl ein anderes wäre: Bands wie „The Byrds“, „The Doors“, „Love“, „The Monkees“, „Buffalo Springfield“, „The Turtles“. „Wir waren die beste Band aus Phoenix, deshalb zogen wir nach L.A. Uns war nicht klar, dass die beste Band aus jeder anderen Stadt auch dort war“, erinnert sich Alice Cooper, der mit seiner Band um sieben Uhr morgens Frank Zappa aus dem Bett spielte, obwohl der für sieben Uhr abends geladen hatte. Gähnend, mit dem Kaffee in der Hand, nahm er die Schockrocker trotzdem unter Vertrag.

          Eine Wolke vor der sonnigen Utopie

          Nebenan zog kurz darauf eine junge Frau Mitte zwanzig ein, die Eric Clapton auf einer Grillparty von Mama Cass (The Mamas & the Papas) dem Vernehmen nach nur sprachlos anstarren konnte, als sie sich mit ihrer Gitarre ins Gras setzte und ihr Lied anstimmte. David Crosby, der kurz vorher The Byrds verlassen hatte, war längst in sie verliebt und produzierte ihr erstes Album: Joni Mitchell. Die aber fand mehr Gefallen an Graham Nash, der zusammen mit Crosby, Neil Young und Stephen Stills in einer Band spielte. „Life used to be so hard, now everything is easy ’cause of you...“ dichtete Nash auf diese Beziehung, die Mitchell schließlich per Telegramm beendete.

          So ließe sich noch lange weitererzählen, die Regisseurin Alison Ellwood schöpft aus einem schier endlosen Vorrat an Geschichten über Liebe, Inspiration und Hoffnung, die die jungen Musiker verband. Nur einen Steinwurf wohnten sie voneinander entfernt, niemand schloss die Türen ab, zu jeder Tages- und Nachtzeit luden fremde Sofas dazu ein, auf ihnen Songs zu üben und anderen Vergnügungen nachzugehen.

          Dieser Geist beherrscht den ersten Teil der Dokumentation, im Auftakt zum zweiten schiebt sich eine Wolke vor die sonnige Utopie. Die Manson-Morde setzten ganz Los Angeles unter Schock. Der erste, bei dem auch Roman Polanskis schwangere Frau Sharon Tate erstochen wurde, geschah unweit der kreativen Gemeinschaft, im Haus des Produzenten der Byrds. Die Proteste gegen den Vietnam-Krieg politisierten viele der bis dahin eher unbeschwerten Musiker, es entstanden Soundtracks des Zeitgeschehens wie „For What It’s Worth“ von Buffalo Springfield und „Ohio“, den Neil Young schrieb nachdem bei friedlichen Protesten an der Kent State University vier Menschen von der Nationalgarde erschossen wurden.

          Ein Großteil der Erzählung kommt von den Musikern selbst, so lassen David Crosby, Michelle Philipps und Richie Furay die glorreichen Tage aus dem Off Revue passieren. Zu den Stimmen sieht man Fotos von ihnen aus der Zeit. Die gealterten Bewohner des Canyons bleiben im Film unsichtbar. Vielleicht wollte die Regisseurin nicht mit dem Glanz der Epoche brechen. In ihrer Dokumentation schneidet keine Falte in das schöne Bild der jugendlichen Wilden. Vor der Kamera sprechen heute lediglich Menschen, die schon damals zwar auch Freunde, aber vor allem Chronisten waren: zum Beispiel die Fotografen Nurit Wilde und Henry Diltz, die zusammen mit Ellwood noch mal ihre Archive durchwühlt und Faszinierendes gefunden haben. „Für jemanden, der an Gott glaubt, war es, als hätte dieser gesagt: ‚Okay Kids, ich zeige euch, wie das Paradies aussieht, und ihr müsst nur darin leben, spielen, lieben. Wir griffen mit beiden Händen zu, und es war wundervoll“, erzählt der Radiomoderator Jim Ladd.

          Das passt zu den Erzählungen der übrigen Protagonisten. Sie alle zeichnen ein Bild, das farbenfroher und harmonischer kaum sein könnte, in dem glückliche Menschen friedlich zusammenlebten, das Gute genossen und das Böse gemeinsam kreativ verarbeiteten. Das klingt zu schön, um wahr zu sein, und doch kann man dem Film nicht unbedingt Schönmalerei vorwerfen. Er ist vielleicht eher ein Produkt des Phänomens, dass sich viele Menschen, je mehr Zeit vergangen ist, umso mehr an die guten Dinge erinnern wollen und können. Oder vielleicht war der Laurel Canyon auch einfach ein Ort in einer Zeit, an dem das Gute überwog. In der Musik, die dort entstand, zumindest, klingt es so.

          Laurel Canyon läuft heute in zwei Teilen ab 21.45 Uhr auf Arte.

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