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Kendrick Lamars neues Album : Wie gut ist „Mr. Morale & The Big Steppers“?

  • -Aktualisiert am

Kendrick Lamar Bild: dpa

Kendrick Lamar kann das Persönliche grandios mit dem Gesellschaftlichen kurzschließen. Doch auf seinem neuen Album „Mr. Morale & The Big Steppers“ hat ihn die Psychoindustrie bekehrt.

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          Gesandt vom Rap-Gott, gekrönt vom Kulturolymp mit dem Pulitzer-Preis und gesalbt von seinem Fan Barack Obama: Der Rapper Kendrick Lamar hätte sich fürs Cover zu seinem neuen Album die Dornenkrone nicht mal mehr aufsetzen müssen, auch ohne Jesussymbol war er längst der Auserwählte, der das Leid stellvertretend für die Seinen schulterte.

          Weil er dieses Leid aus transgenerationalen Traumata und strukturellem Rassismus beschreiben konnte wie kein anderer, ohne diese Begriffe zu gebrauchen – und falls doch, fand er sogar darauf einen Reim. Mit jedem Album/Meisterwerk stieg die Erwartung, Lamar könne das Übermenschliche schaffen und irgendeinen genialen Kniff, der Erlösung bringen würde, aus der Basecap zaubern.

          Erlösung hat er auch auf „Mr. Morale & The Big Steppers“ nicht gefunden, seinem fünften Album, erst recht keine kollektive; bloß die sehr zeitgemäße, doch etwas enttäuschende Lösung für sich selbst: Er macht jetzt Psychotherapie. Während einer knapp achtzigminütigen wilden talking cure berichtet Kendrick seinem Therapeuten „Eckhart“ – gemeint ist ohne Witz der deutsche Selbsthilfeautor Eckhart Tolle, der mehrfach zu Wort kommt – in einem assoziativen Redeflash von Größenwahn und Selbsthass. Dabei äußert er auch einige überraschend onkelige Ansichten zu Cancel Culture und politischer Korrektheit.

          Getrieben vom Wunsch, sich als ­fehlbaren Menschen zu zeigen, beichtet der Patient seine moralischen Fehlleistungen (Fremdgehen, emotionale Unerreichbarkeit), neigt aber zu einer Selbstgerechtigkeit, als sei das Beichten schon wieder eine Leistung. Aus Verantwortung gegenüber seinen Liebsten will Lamar an seinem „Schmerzkörper“ arbeiten – toller Begriff für die Summe des übers Leben angesammelten Leids einer Person.

          Das lässt keine Ressourcen mehr, um die Verantwortung für eine ganze Kultur mit sich herumzutragen. „I choose me, I’m sorry“, verabschiedet sich Lamar als Heilsbringer a. D., und das ist das Traurigste: dass die Psychoindustrie ihn, der das Persönliche so grandios mit dem Gesellschaftlichen kurzschließen kann, mit der Botschaft bekehrt hat, Lösungen für seine Probleme seien zuallererst in ihm selbst zu finden, als hätten sie nicht tausend externe Auslöser.

          Aber von dieser Enttäuschung abgesehen, erzählt Lamar immer noch skurrilere, fintenreichere Geschichten als alle anderen Rapper, und das ist ja auch schon mehr als okay.

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