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Analyse der Siegertitel : Wie gewinnt man eigentlich den Eurovision Song Contest?

Schönheit schadet nicht, aber auch das Lied muss gut ankommen: Ell und Nikki bei ihrem Sieg für Aserbaidschan im Jahre 2011 Bild: Picture-Alliance

27 Lieder werden am Samstag beim Eurovision Song Contest dargebracht, und wieder werden sich viele Zuschauer fragen: Klingt das nicht alles irgendwie gleich? Gibt es ein Erfolgsrezept? Unsere Analyse der letzten zehn Siegertitel gibt Antworten.

          Nur drei Minuten haben die Teilnehmer des Eurovision Song Contest. In diese drei Minuten müssen sie alles packen, womit sie punkten können: eine eingängige Melodie, einen Refrain mit Wiedererkennungswert, einen anrührenden Text, eine unvergessliche Bühnenshow und eine mitreißende Dramaturgie. In allen Punkten sind allerdings die Geschmäcker unterschiedlich. Galten 2014 den Polen sich an einem Butterfass abarbeitende junge Frauen als großer Auftritt, waren in Russland 2008 offenbar Eiskunstläufer als Dekoration der Hit.

          In einem Punkt allerdings scheinen sich alle einig zu sein: Den Text kann man vernachlässigen. Seit niemand mehr in seiner Muttersprache singen muss, ist das Englische allgegenwärtig – jedoch befürchtet man offenbar auch hier Verständigungsprobleme. Die wahre Weltsprache ist eben nicht Englisch, sondern simples, schlechtes Englisch mit einer Auswahl von etwa 100 wirr durcheinandergewürfelten Vokabeln. Die Aggregation der Texte der letzten zehn Siegertitel zeigt, auf welche Worte ein ehrgeiziger Kandidat nicht verzichten sollte. Ein Lied namens „Believe in One Love Tonight“ hätte demnach hervorragende Chancen, ist bisher aber leider nicht im Rennen.

          Welche Wörter führen zum Erfolg? Die Wortwolke verrät den einsamen Spitzenreiter der vergangenen zehn Jahre.

          Nur ein einziges Land schaffte es in den vergangenen zehn Jahren mit einem nicht englischsprachigen Lied an die Spitze: Für Serbien sang Marija Šerifović 2007 „Molitva“ und gewann. Die seltsamen kurzen Wörter in der Wolke, über deren Bedeutung Sie womöglich gerade grübeln, sind daher serbisch. Wenn die englischen Songs auch schon Mut zur Sinnfreiheit demonstrieren, kann sich Serbien eben ein Lied erlauben, das außerhalb der Heimat fast niemand versteht.

          „Molitva“ ist noch aus anderen Gründen ein besonderes Lied: Es exerzierte auf ganz phantastische Art die Rückung durch – ein bis vor wenigen Jahren äußerst beliebtes ESC-Motiv, das inzwischen etwas aus der Mode geraten ist. Bei einer Rückung wird klassischerweise der letzte Refrain etwas höher gesungen als jene zuvor. Das verleiht einem Lied mehr Pathos, als ein Gospelchor und ein ganzes Sinfonieorchester das jemals könnten. Wenn so eine Rückung perfekt sitzt, bekommen selbst Gürteltiere Gänsehaut! Bei „Molitva“ gibt es sogar zwei Rückungen, zu bestaunen in der zweiten Strophe und dem dritten Refrain. Am Ende liegt das gesamte Lied zwei Töne höher als am Anfang.

          Mit drei Tonarten bewegt sich der Titel im vorderen Bereich der komplexeren Lieder. Sechs der zehn Siegertitel weisen überhaupt keine Modulation auf, andere wählten wenigstens für den Refrain eine andere Tonart als für die Strophen. Erst Conchita Wurst stoppte 2014 mit „Rise Like a Phoenix“ nach fünf Jahren die Eintönigkeit.

          Die Tonarten der Gewinner-Songs

          Dass das ganz große Drama am besten in Moll daherkommt, zeigt diese Grafik eindrucksvoll. Der einzige Titel in Dur stammt aus dem Jahr 2011: „Running Scared“ von Ell und Nikki aus Aserbaidschan ist in C-Dur gehalten, wie übrigens auch zahlreiche der Fußballgesänge, weil viele Melodien in C-Dur auch nach mehreren Fässern Bier problemlos nachzusingen sind. Bei Klavierschülern ist C-Dur ähnlich wie a-Moll noch aus anderen Gründen beliebt: Es bedarf beim Spielen keiner einzigen schwarzen Taste. Dann muss man nur noch den Refrain früh genug einführen und mehrmals stumpfsinnig wiederholen, und schon klappt es mit dem ESC-Sieg.

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