https://www.faz.net/-gqz-83dnu

Analyse der Siegertitel : Wie gewinnt man eigentlich den Eurovision Song Contest?

Beschreibung

Unter den wenigen Liedern im rhythmischen Mittelfeld befindet sich der Norweger Alexander Rybak mit „Fairytale“ von 2009. Seine Bühnenshow zeigt deutlich, dass er auf Hilfe angewiesen war, um trotzdem etwas wie Dynamik zu vorzutäuschen. Dabei unterstützten ihn insbesondere zwei überaus präsente Damen mit synchronen Armbewegungen à la „Sieh, die Welt ist ein Wunder“.

Beschreibung

Wenn man doch nur zwanzig von der Sorte auf die Bühne zerren könnte, der Sieg wäre gemacht! Leider verbieten das die ESC-Statuten: Maximal sechs Personen dürfen pro Beitrag auf der Bühne sein. Tiere und Kinder sind verboten, sonderbare Kostümierungen offenbar ausdrücklich erwünscht. Die meisten Sieger der vergangenen zehn Jahre reizten die personelle Höchstgrenze bis zum Anschlag aus – sie ließen sich von Tänzern, Backgroundsängern oder Musikern unterstützen. Man weiß ja: An der Spitze kann es sonst verdammt einsam werden.



Wie die Grafik zeigt, haben die Teilnehmerländer mit einer Frau in der ersten Reihe mehr Chancen auf den Sieg als mit einem Mann. Auch der Backgroundgesang ist fest in weiblicher Hand, beim Tanz halten sich Männer und Frauen die Waage. Als Tänzer muss hier übrigens auch der mehrfache Eiskunstlauf-Weltmeister Jewgeni Pluschenko gelten, der 2008 neben Dima Bilan auf einer etwa briefmarkengroßen Fläche Pirouetten drehte.

Ganz allein stand nur Conchita Wurst auf der Bühne, die darüber hinaus einen ungewöhnlichen Bewegungsradius von Null aufwies. Während andere herumhüpften, als brenne der Boden, stand sie einfach da. Und stand. Und stand. Das ist für den Gesang äußerst hilfreich, wenn man ein technisch anspruchsvolles Lied wie „Rise Like a Phoenix“ gewählt hat. Dagegen kamen selbst die synchronsten Hupfdohlen nicht an.

Allerdings bietet der ESC traditionell gerade den Interpreten, die gerne weitgehend reglos in der Gegend herumstehen, einen schönen Weg, sich hervorzutun: Trickkleider. Als Mutter der Bewegung gilt die deutsche Kandidatin Ireen Sheer, die 1978 ihr Jäckchen abstreifte. Nur mit viel gutem Willen geht das nach heutigen Maßstäben als Trickkleid durch – so entledigt sich doch inzwischen jede Buchhalterin auf dem Weg zum Supermarkt ihres Tweedsakkos. Sehr viel aufwendiger gestaltete sich da schon der Auftritt der Russin Youddiph im Jahre 1994. Ihr Lied „Vyechniy stranik“ ist deutlich weniger relevant als das wegweisende Outfit, daher hier ein tonloser Loop der wichtigsten Momente ihres Auftritts.

Nicht einmal Lordi wollten darauf verzichten, sich an dieser Tradition zu beteiligen. Sonst natürlich alles ganz wild, Monstermasken, Gitarren, Dämonen, röhrende Stimme und so weiter. Schließlich hatten die Finnen einen Ruf zu verlieren. Aber beim Gedanken an ein Trickkleid wird eben selbst dem härtesten Rocker warm und weich ums Herz. Wir sehen hier Mr. Lordi auf dem Höhepunkt seiner Karriere bei der Verwandlung in eine Fledermaus. Ozzy Osbourne lief wahrscheinlich das Wasser im Munde zusammen.

Offenbar fand man die Fledermaus auch in Weißrussland überzeugend. So überzeugend, dass man vier Jahre später eine Truppe namens 3+2 zum Eurovision Song Contest schickte, deren Lied „Butterfly“ wirkt, als sei es nur auf diesen einen Moment hingeschrieben. Wir erleben nun die Kuschelrockisierung von Lordis Fledermausflügeln. Für den Sieg reichte das nicht, aber gäbe es einen Sonderpreis für den kitschigsten Moment des Abends: Belarus hätte 2010 unglaublich abgeräumt.

Weitere Themen

ESC kehrt zurück – natürlich Corona-konform Video-Seite öffnen

Musikwettbewerb in Rotterdam : ESC kehrt zurück – natürlich Corona-konform

Nach einer Corona-bedingten Zwangspause im vergangenen Jahr kehrt der Eurovision Song Contest zurück. Ausgerichtet wird das Musikspektakel in diesem Jahr in der niederländischen Hafenstadt Rotterdam. Die Organisation des weltberühmten Publikumevents ist in Pandemie-Zeiten eine große Herausforderung.

Der ESC in Zahlen

65. Eurovision Song Contest : Der ESC in Zahlen

In Rotterdam wird bereits fleißig geprobt: Am 22. Mai findet in der niederländischen Stadt das Finale des Eurovision Song Contests statt. Alles Wissenswerte rund um die 65. Ausgabe des Wettbewerbs erfahren Sie hier.

Topmeldungen

Der US-Sondergesandte für Klimaschutz, John Kerry, mit dem deutschen Außenminister Heiko Maas in Berlin.

US-Sondergesandter in Berlin : John Kerry lobt die deutsche Klimapolitik

Der ehemalige Außenminister zeigt sich beeindruckt, wie schnell die Bundesregierung dem Verfassungsgericht gefolgt ist. Und er appelliert: Um die Erderwärmung aufzuhalten, müsse „Glasgow“ dringend ein Erfolg werden.
Marokkanische Migranten am 18. Mai bei der Ankunft in Ceuta

Migration aus Marokko : Ansturm auf Ceuta

Tausende Menschen sind innerhalb eines Tages in die spanische Exklave Ceuta geströmt. Die politische Botschaft aus Rabat: Ohne Marokko lässt sich der Kampf gegen die illegale Migration nach Europa nicht gewinnen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.