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Analyse der Siegertitel : Wie gewinnt man eigentlich den Eurovision Song Contest?

Obwohl es das dahinplätschernde Lied an großen Momenten vermissen lässt, wurde es ein Erfolg. Für die Analyse des Liedverlaufs hingegen war es schwierig, einen Höhepunkt zu identifizieren. Die Entscheidung fiel am Ende für etwas, was wir der Transparenz halber einen stillen Höhepunkt nennen wollen – im Video zu finden bei Minute 2:23. Damit steht „Running Scared“ immerhin in der großen literarischen Tradition von „Effi Briest“ und „Die Marquise von O...“. Welcher Pop-Songwriter kann das schon von seinem Werk behaupten?

Bei den anderen Stücken springen einem die Höhepunkte beim Anhören regelrecht ins Gesicht, wie sich das gehört. Weil die Lieder nicht exakt drei Minuten lang sind, sondern manche um bis zu zehn Sekunden kürzer ausfallen, bezieht sich die Grafik auf den Verlauf des Liedes in Prozent.

Der Trend geht zum frühen Höhepunkt, befeuert durch zwei Extreme: Während die Finnen Lordi sich den großen Knalleffekt (ein Rockmonster mit Falsettgesang!) 2006 bis ganz zum Schluss aufhoben, war Loreen 2012 ungewöhnlich früh dran. Einen stärkeren Moment als den ersten Vortrag des Refrains von „Euphoria“ gibt es anschließend nicht mehr. In der Bühnenshow versuchte man, das durch das plötzliche Auftauchen eines Tänzers wettzumachen. Ablenkung ist eben ein vielfach erprobtes Mittel beim Eurovision Song Contest, nicht nur bei den Siegertiteln: Wenn das Lied redundant zu werden droht, erhebt sich schon mal völlig überraschend eine Tänzerin aus dem weißen Flügel (vgl. Dima Bilan, „Never Let You Go“, 2006).

Dass die Höhepunkte mal hier, mal da gesetzt sind, kann über die Gleichförmigkeit der Liedstruktur kaum hinwegtäuschen. Das Äquivalent zu „Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht“ lautet „Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Bridge, Refrain – wir bewegen uns auf sicherem Terrain“. Mit etwas Glück findet sich noch ein Intro oder Outro.

Beschreibung

Eine wohltuende Ausnahme zu diesem mit wenigen Abweichungen durchgezogenen Stiefel bildet der deutsche Siegertitel „Satellite“. Alles fängt an wie gehabt, aber dann singt Lena Meyer-Landrut noch einmal den halben Refrain. Nach der Bridge wiederholt sie gar die zweite Hälfte der zweiten Strophe. Revolutionär ist das nicht, aber es tut sich doch hervor. Mit einem weniger komplexen Aufbau allerdings sind die Chancen beim Eurovision Song Contest unterm Strich offenbar besser.

Bühnenshow

Apropos Komplexität: In diesem Jahr ist mit dem armenischen Beitrag „Face the Shadow“ ein Song dabei, der alleine schon aufgrund seines anspruchsvollen Taktes null Chancen hat. Er wiegt sich im Dreivierteltakt, setzt aber hin und wieder kurz aus, verlangsamt und beschleunigt sich – ein absolutes K.O.-Kriterium beim ESC. Denn in den letzten zehn Jahren hat kein einziges Lied gewonnen, das nicht stur im Viervierteltakt geradeaus gelaufen wäre. Nur beim Tempo klaffen die Lieder beträchtlich auseinander.

Beschreibung

Die meisten Beats pro Minute (bpm) hat demnach nicht etwa „Hard Rock Hallelujah“ von 2006, sondern „Euphoria“. Auffällig ist das dünne Mittelfeld: Auf Erfolg darf offenbar vor allem zählen, wer sich ganz klar für eine Ballade oder einen Up-Tempo-Song entscheidet. Am langsamsten kommt „Believe“ des Russen Dima Bilan aus dem Jahre 2008 mit 68 bpm daher, und das ist doch endlich mal ein Superlativ für diesen ansonsten völlig zu Recht in Vergessenheit geratenen Song.

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