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Celo und Abdis Deutschrap : Aus Bornheim für die Banlieue

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... genauso wie es der Rapper Torch im Musikvideo zu „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry bereits 1992 tat.
... genauso wie es der Rapper Torch im Musikvideo zu „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry bereits 1992 tat. : Bild: Youtube

Auch sie sind auf die Integrationsdebatte eingegangen, als sie in ihren Texten konservative Politiker zu Feindbildern machten und „contra deutsche Leitkultur“ rappten. In ihrem 2017 erschienenen Album „Diaspora“ haben sie sich mit der Migrationsgeschichte ihrer Familie beschäftigt.

Im Song „Franzaforta“ aus dem ersten „Mietwagentape“ rappt Celo: „Zwei Immigranten/ fremd im eigenen Land“. Damit knüpft er an den Song „Fremd im eigenen Land“ der Heidelberger Hip-Hop-Gruppe Advanced Chemistry aus dem Jahr 1992 an, die in dem politischen Track erstmals das Identitätsproblem von Migrantenkindern thematisiere. Als Reminiszenz an „Fremd im eigenen Land“ sind auch die Cover des Mietwagentapes und dessen Nachfolger zu verstehen, auf denen Abdi seinen deutschen Reisepass mit dem aufgeprägten Bundesadler der Kamera präsentiert – genauso wie es der Rapper Torch von Advanced Chemistry Anfang der Neunziger im Video zu „Fremd im eigenen Land“ tat.

Sich selbst sehen die beiden Rapper in erster Linie als Frankfurter, erst dann als Kinder bosnischer und marokkanischer Einwanderer. Celo, der den bürgerlichen Stadtteil Bornheim und das angrenzende Ostend Teil seiner Heimat nennt, und Abdi, der in der Goldsteinsiedlung in Schwanheim aufgewachsen ist, sind ein Jahrzehnt nach ihrem Durchbruch mit der Stadtgesellschaft verbandelt. Sie gehörten zu den prominentesten Gesichtern verschiedener Kampagnen des Bundesligavereins Eintracht Frankfurt, rappten 2015 für das Schirn-Museum und setzten bei der Hessenwahl 2017 ein Statement gegen Rassismus und Antisemitismus – nachdem ihnen „Nazi-Koketterien“ und antisemitische Verfehlungen 2012 selbst zum Vorwurf gemacht worden waren.

Wie ein Gangsterfilm

Dass Erol Huseinćehaj und Abderrahim el Ommali, so ihre bürgerlichen Namen, durchaus einen anderen Lebensweg hätten einschlagen können, resümierten sie vor ein paar Jahren in einem Interview. Celo hat nach eigener Aussage nach dem Fachabitur ein Studium in Bauingenieurwesen begonnen und Abdi die Schule erst kurz vor dem Abitur abgebrochen. Vage deuteten sie an, was schief gelaufen ist: „Leider läuft das Leben nicht so, wie man sich das wünscht.“ Als die beiden sich Ende der Nullerjahre auf der Arbeit in einem Callcenter kennenlernten, beschlossen sie die gemeinsame Arbeit an ihrem „Mietwagentape“: Teils eine Berichterstattung aus der kriminellen Halbwelt und Frankfurter Drogenszene, teils die Vertonung eines suburbanen Lebensgefühls in den Trabantenstädten am Rande der Bankenmetropole am Main – mit der geliehenen Luxuslimousine als Symbol für kurzfristigen gesellschaftlichen Aufstieg.

Dieser noch nie dagewesene Sound und die dazugehörigen Videos verbreiteten sich 2011 rasch im Internet auf der Videoplattform Youtube. Es folgten ein Vertragsabschluss bei Haftbefehls Label und die Auszeichnung „Tape des Jahres“ durch die Rap-Fachzeitschrift Juice. Zehn Jahre später liefert der zweite Teil zahlreiche Verknüpfungen zum ersten Mietwagentape. So werden Songs und Lines recycelt: „Bis zum Promistatus/ Wir wollen hoch hinaus/ Kronberg im Taunus/räumen wir eure Villen aus“ hieß es 2011. In der Neuauflage des Songs „V.I.P.“ will Celo selbst als Hausherr im reichen Main-Taunus-Kreis residieren: „Offizieller Promistatus/wir wollten hoch hinaus/Kronberg im Taunus/such mir bald ne Villa aus“. Solche Rückblicke machen Vergnügen beim Hören, genauso wie das Remake des Roadtracks „Mietwagensound“, der den spontanen Kurztrip zweier Freunde nach Holland schildert. Neben zwei Solotracks finden sich genauso wie auf dem ersten Tape auch zahlreiche Features.

Wenn man die Atmosphäre des ersten Mietwagentapes analog zu einem Pendant des Gangsterraps, dem Gangsterfilm, setzten müsste, würden einem Titel wie der französische Hoodklassiker „La Haine“, der dänische Drogenthriller „Pusher“ mit Mads Mikkelsen und Kim Bodnia oder die deutsche Literaturverfilmung „Kanak Attack“ über das Leben zweier türkischstämmiger junger Männer im kriminellen Milieu Kiels in den Sinn kommen. Die Fortsetzung knüpft an diese Straßenerzählungen an – nur eben als eine Hochglanz-Netflix-Produktion. In den letzten zehn Jahren ist viel passiert. Aus den beiden Hinterhof-Jungs sind Betreiber eines erfolgreichen Hip-Hop-Labels mit Universal Urban als Major-Vertrieb im Rücken geworden. Debatten über strukturellen Rassismus und Identität werden offener geführt.  Ein zweites Mietwagentape – in seiner Rohheit und Novität – kann es vielleicht allein deswegen nicht geben.

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