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Selbstkritische Pop-Alben : Gegen den Paypalpop

  • -Aktualisiert am

Bei Konzerten Rainald Grebes muss man mit Überraschungen rechnen - vielleicht auch diesen Sommer wieder. Bild: DAVIDS/Guenter Peters

Zwischen Humor und Kritik: Die Liedermacher Rainald Grebe, Maurice Summen und PeterLicht veröffentlichen Alben mit selbstreflexiver Popmusik. Oder soll man sagen: Kabarett mit Beats und Autotune? Und kann man dazu tanzen?

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          Wir kennen das epische Theater, den metafiktionalen Roman und das poetologische Gedicht – aber welche Bezeichnung haben wir für Lieder, die sich selbst zum Thema haben, sowohl sprachlich als auch musikalisch? Am ehesten denkt man dabei zunächst an Chanson, Kabarett und Schlager. „Dieses Lied hat keinen Text“, singt etwa jemand in einem offenkundigen Selbstwiderspruch (Peter Igelhoff, 1940), oder ein Chor flüstert „tick-tack-tick-tack“ zum „Tick-Tack-Boogie“ (Evelyn Künneke, 1955). Aber es gibt auch selbstreflexive Popmusik jenseits der humoristischen Absicht. Ein Musterbeispiel wäre das Konzeptalbum „Random Access Memories“ (2013) von Daft Punk, das eine Art vertonte Popmusikgeschichte darstellt.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Die deutschsprachige Popmusik kennt ganz unterschiedliche Beispiele von Selbstreflexivität, sei es Reinhard Meys mythologisch aufgeladenes „Lied, auf den Grund eines Bierglases geschrieben“, Udo Lindenbergs vertonter Liebesbrief im „Radio Song“ als deutsches Pendant zu Elton Johns „Your Song“ oder auch programmatische Musik wie Kraftwerks „Wir sind die Roboter“. Seit dem sogenannten Diskurspop, der in den neunziger Jahren aufkam, bildet sich aber zunehmend noch eine andere Variante aus: die der gesungenen Kritik. Und zwar nicht nur Gesellschaftskritik, sondern auch ästhetische. So entsteht ein Genre, das man vielleicht mit dem Begriff eines ästhetischen Protestsongs beschreiben könnte: „Keine Meisterwerke mehr“, postulieren Tocotronic im gleichnamigen Lied von 2010.

          Im Spannungsfeld zwischen Humor und Kritik bewegen sich auch drei neue Alben, die ihre dezidierte Selbstreflexivität teils schon im Titel zeigen: Schlicht „Popmusik“ heißt das neue Werk des Wahl-Uckermärkers Rainald Grebe, „Paypalpop“ jenes des Hamburgers Maurice Summen. Und auf subtilere Weise selbstreflexiv ist auch „Beton und Ibuprofen“ des Kölners PeterLicht.

          Alle drei Werke sind grundiert von einer Technikmelancholie, die bei PeterLicht schon vor zehn Jahren mit seinem Lied „Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses“ deutlich wurde und sich seither durch seine Lieder und auch anderen Texte wie ein roter Faden zieht.

          Rainald Grebe karikiert nun in seinem Lied „Der Klick“, wie unser Leben von Klicks bestimmt wird: Vom Wecker am Morgen bis zum „Fick mit Klick“. Dann folgt auch die Einsicht: „Das ist Klickmusik.“ Stimmt: Es klingt wie eine Mischung aus Lady Gagas „Pokerface“ und „Da Da Da“ von Trio. Was passiert, wenn man dem Klicker den Stecker zieht, verhandelt Maurice Summens Song „Das Ladekabel“. Er wirkt wie eine Art Readymade-Kunstwerk, wenn der darin Singende am Telefon eine Todsünde beichtet: „Schatz, ich hab das Ladekabel mitgenommen / Schatz, ich weiß, Du brauchst den Strom“.

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