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Werbung : Bob Dylans Engel

  • -Aktualisiert am

Dunkler Beobachter: Dylan im Werbespot Bild: AP

Seine Fans sind entsetzt: Wie kann der Songpoet Bob Dylan, der so oft gegen die Allgegenwart der Reklame polemisierte, nun ausgerechnet in einem Werbespot auftreten - für Damenunterwäsche?

          Die Vision ist kühl und lasziv. Ein sehr weiblicher Engel mit weißen Flügeln wird beobachtet von einem dunklen Gentleman mit Menjoubärtchen; einmal treffen sich die Blicke, doch die Distanz bleibt. Kostbar und alt sind die Kulissen; Spitzbogenfenster lassen auf einen Sakralbau schließen.

          Daß wir uns in Venedig befinden, in einem weltlichen Palast, verrät erst der Blick auf die Lagune. Aus dem Off besingt eine rauhe Stimme den Ekel an der Liebe. Und erst der abschließende Schriftzug enthüllt, um welches Mysterium es hier ging: Die Firma Victoria's Secret präsentiert "The New Angels Collection", luxuriöse Damenunterwäsche.

          Der Engel heißt Adriana Lima, ein Topmodel im Push-up-BH; und der dunkle Beobachter ist Bob Dylan. "Something is happening here, but you don't know what it is." So gewaltig der Erfolg der Kampagne aussieht, die gerade in den Vereinigten Staaten angelaufen ist, so verzweifelt fragt sich eine weltweite Fangemeinde, was um alles in der Welt hier vorgeht; die diversen Websites dokumentieren Empörung von Brasilien bis Norwegen.

          Ein Engel für Dylan

          Das Entsetzen bleibt

          Wie kann der Songpoet, der so oft gegen die Allgegenwart der Reklame polemisierte, nun ausgerechnet in einem Werbespot auftreten? Am Geld wird es kaum liegen, auch am Kommerz-Ehrgeiz nicht. Warum also spielt Dylan nun, wie eine Zeitung höhnte, den "Mr. Lingerie Man"? Die Antwort weht im Wind, das Entsetzen bleibt. "Laßt uns so tun", fleht eine Fan-Homepage, "als wäre dies nie passiert!"

          Da müßten die Verzweifelten allerdings das meiste des Meisters ignorieren. Denn daß der Verrat Dylans Markenzeichen gewesen ist, immer schon, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Der Trickster und Romantiker des Rock 'n' Roll hatte das ironische Selbstdementi schon zum Prinzip erhoben, als ihm zum ersten Mal das "Judas!" entgegengeschleudert wurde; der Rollentausch zwischen Profanem und Heiligem gehörte dabei von jeher zu seinen bevorzugten Hakenschlägen.

          Welt voller Engel

          Und immer schon war ja Dylans Welt von Engeln bevölkert. Über dem Eingang zum Einkaufszentrum standen sie und bliesen die Trompeten, die niemand hörte ("Three Angels"); noch auf dem jüngsten Album "Love and Theft", erschienen am 11. September 2001, tönt im letzten Vers "Gabriel's horn" aus apokalyptischer Ferne. Nicht nur Gerichtsverkünder aber sind Dylans Engel, sondern auch sehr fleischlich Liebende. Die Lichtgestalt, die auf dem christlichen Konversions-Album "Slow Train Coming" 1979 besungen wurde, hieß "Precious Angel" und war auf verwirrende Weise zugleich Objekt des Begehrens und Heilsbotin einer anderen Welt. Deutlicher wurden ihre Konturen auf dem folgenden Album; da war die Geliebte verklärt zur Mittlerin und Verkörperung des Neuen Bundes, zur "Covenant Woman".

          Der Minstrel, als den sich Dylan präsentiert, ist Mystiker und Minnesänger; in seinen Liedern sind die Grenzen zwischen himmlischer und irdischer Liebe so fließend wie bei den Vorbildern, auf die sie verweisen, Petrarcas "Canzoniere" zum Beispiel. Wer aber die Liebes- und Leibesfrömmigkeit nicht ihrerseits zur sakralen Pose erstarren lassen will, der könnte so selbstironisch profan werden wie der Minstrel vor "Victoria's Secret". Der Werbespot illustriert eine Grundfigur in Dylans Dichtung so präzise und schön, wie es nur ein "commercial" kann.

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