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Band „Kings of Convenience“ : Die Könige der Bequemlichkeit

  • -Aktualisiert am

Stiller Rückzug: Das Album „Riot on an Empty Street“, rechts im Bild Eirik Glambek Bøe Bild: Source Music

Acht Monate Dunkelheit und ständig Regen sind gute Gründe fürs Daheimbleiben: Und nicht nur das können wir von der Band „Kings of Convenience“ lernen.

          3 Min.

          Die Reise liegt schon etwas zurück, sie verschwimmt bereits. In Bergen, Norwegen, sollten wir Schriftsteller treffen. Mir fiel ein, dass dort auch Musiker wohnen. Kings of Convenience. Ihr Album „Riot on an Empty Street“ war ein Inbegriff des stillen Rückzugs, ein Klassiker. Aber man hatte schon ewig nichts mehr von ihnen gehört. Was war aus ihnen geworden? Ich fragte die Literaturveranstalter, ob sie nicht auch Kontakt zu Musikern herstellen könnten. Etwas Zeit verging. Dann kam eine Mail von einem Musik-Agenten aus Bergen. Er kenne die Kings of Convenience. Er könne versuchen, Kontakt herzustellen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Nachricht befeuerte die Phantasie. In Bergen, dachte ich, lebten alle wie die Kings of Convenience. Sie drückten das Lebensgefühl derer aus, die keine Krise brauchen, um zu Hause zu bleiben. Die das einfach ohnehin tun, vielleicht auch, weil es acht Monate im Jahr kaum hell wird und fast jeden Tag regnet. Gitarre, Kontrabass und zwei Glockenstimmen, manche Lieder so langsam, als schaue man Eiszapfen beim Wachsen zu.

          Etwas Zeit verging. Dann tatsächlich eine E-Mail: „This is Eirik. I can meet you on the 12th for coffee and a chat.“ Ich dachte an das alte Crooner-Lied „The Twelfth of Never“ und an das Plattencover von „Riot on an Empty Street“: Einsinken in den Flokati eines skandinavischen Wohnzimmers, zwischen Erlend Øye, Eirik Glambek Bøe und einer unbekannten schönen Leserin. Dort vielleicht einfach einschlafen.

          Auf der tatsächlichen Reise dann gab es dichtes Programm, dazwischen nur wenig Zeit für Kaffee. Ich schrieb Eirik sofort nach der Landung und fragte ihn, ob es mit dem Treffen klappe. Er antwortete, er müsse es leider auf den nächsten Tag verschieben. Beim Abendessen saß ich neben einer Bergener Schriftstellerin. Ich dachte es das ganze Essen über, doch die Frage schien nicht opportun: War sie nicht die Leserin vom Plattencover der Kings of Convenience? Als die Gesellschaft sich auflöste, fragte ich doch noch. Sie lachte: Nein – aber sie kenne die Frau vom Plattencover. Eirik und diese seien inzwischen verheiratet und hätten drei Kinder. Die Sache wurde immer märchenhafter.

          Wie auf dem Plattencover

          Spätabends schrieb ich Eirik wieder, wann es am nächsten Tag passe. Morgens antwortete er: Leider sei etwas Unvorhergesehenes dazwischengekommen. Er werde sich wieder melden. An jenem Tag lernte ich weitere norwegische Schriftsteller kennen. Zwischen den Literaturgesprächen fragte ich sie nach Eirik. Ja, den kenne in Bergen jeder, sagte einer. Der engagiere sich auch politisch. Ein anderer wollte wissen, dass die Kings of Convenience seit Jahren an einem neuen Album arbeiteten, hier in Bergen. Dazu seien jüngst sogar musikalische Gäste angereist, The Staves aus England, ein Schwestern-Gesangstrio. Ich dachte: Das wird ja immer doller, und: Egal, was davon stimmt, du wirst es eh nicht mehr erfahren.

          Am nächsten Morgen, dem Tag der Rückreise, kam eine sehr frühe Nachricht von Eirik. „9 a.m. @ Kaffemisjonen?“ Ich antwortete sofort. Es waren ein paar Minuten Fußweg durch Bergen, am Hafen vorbei und eine hübsche Straße hoch. Es regnete die ganze Zeit. Ich kam gleichzeitig mit Eirik an. Er trug elegante Gummistiefel, so wie viele in Bergen.

          Im Vergleich zum Plattencover, fünfzehn Jahre alt, hatte er sich kaum verändert bis auf ein bisschen Bart, es war fast unheimlich. Er sprach sehr leise und bedächtig, erzählte zunächst lange von Wikingern, norwegischen Königen und der Hanse. Dann über die psychologische Wirkung von Farben in der Architektur. Beim Abhören des Bandes später wirkte es wie ein langes Ablenkungsmanöver. Dann endlich kamen wir auf das neue Album zu sprechen. Die Songs dazu seien seit fünf Jahren fertig, sagte Eirik.

          Sie schienen keine Eile zu haben

          Mit Erlend Øye, der inzwischen in Sizilien lebe, habe er schon mehrfach Aufnahmen gemacht. Allerdings seien sie mit diesen leider unzufrieden gewesen. Die falschen Gitarrensaiten, ein Fingernagel zu lang, die Stimme zu dünn – es gebe bei der Musik der Kings of Convenience ein hohes Risiko, dass Details alles ruinieren. Daher hätten sie das Album vorerst auf Eis gelegt, um Abstand zu gewinnen.

          Ich dachte an ihr Lied „Surprise Ice“, in dem das lyrische Ich auf dem Badezimmerfußboden liegt und nachdenkt. „Weeks pass, no progress is made“, heißt es darin. Aber die Vergangenheit ist wie eine warme Decke, in die man sich hüllen kann. Inzwischen gefielen ihnen die ältesten Aufnahmen für ihr neues Album wieder ganz gut, sagte Eirik dann noch. Es klang hoffnungsvoll.

          Seitdem sind Monate vergangen. Erlend Øye hat mit seiner anderen Band The Whitest Boy Alive gerade eine neue Single veröffentlicht. Die Könige der Bequemlichkeit scheinen indes noch keine Eile zu haben.

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