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Kulturelle Aneignung : Die dürfen das doch nicht

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„Privilegierte Kids sollen aufhören, die Kleidung der Arbeiterklassekultur zu fetischisieren“, forderte Dawn Foster diese Woche auf der Website des britischen Jugendmagazins „Huck“. Die Journalistin, die im „Guardian“, dem „Times Literary Supplement“ und für das amerikanische Magazin „The Nation“ schreibt, stört sich als Kind aus der unteren Mittelschicht daran, dass an englischen Universitäten zwar die Kleidungsstücke der Arbeiter geschätzt werden, nicht aber die Klasse, die sie trägt. Angehörige der Mittelschicht, so Foster, hätten das Privileg, mit den kulturellen Codes anderer zu spielen, wogegen die Angehörigen der Arbeiterschicht für ihre Herkunft Tag für Tag diskriminiert würden. Foster fordert, dass sich Reiche gefälligst wie Reiche anziehen und verhalten sollten: „Wenn du auf dem Internat warst und von deinen Eltern ausgehalten wirst, steh dazu und sei ehrlich mit deinem Privileg; glaub nicht, einen Adidas-Trainingsanzug zu tragen . . . sei irgendetwas anderes als beleidigend und peinlich.“

Das ist ein Punkt, an dem eine Kritik an Verhältnissen umschlägt in eine Kritik an Personen. Der Reiche, der wie ein Arbeitsloser aussieht, die Weiße, die sich die Haare wie eine Schwarze flicht, der Heteromann, der gern in Schwulenclubs geht, sollen verantwortlich sein für die Ungerechtigkeiten dieser Welt – und sie bitte endlich angehen. Der individuelle Performer, Autor oder Filmemacher soll in seinem beziehungsweise ihrem Schaffen korrigieren, was die Gesellschaft in den vergangenen paar hundert Jahren falsch gemacht hat.

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Auch dafür gab es Ärger: Katy Perry als Geisha bei den American Music Awards 2013 : Bild: Picture-Alliance

Ein neuer, strenger Blick fällt heute auf Lieder, Bilder, Bücher, Sätze, Wörter, Straßennamen, Geschichten und Gemälde, ein Blick, der so unerbittlich und kleinlich ist wie der von Ostblock-Kulturfunktionären in den fünfziger Jahren (die oft zu den bestinformierten Kennern der jeweiligen Szenen zählten). Da kann falsche Hautfarbe einer Künstlerin ein Gemälde zu einer „Aneignung fremden Leids“ machen und seine Zerstörung rechtfertigen sowie das Mobbing der Künstlerin, was dann von der Kunstwelt als wertvoller Debattenbeitrag beklatscht wird.

Es ist eine rechthaberische, seltsam weltfremde Ideologie, die da an Boden gewinnt, vor allem aber ist sie unpolitisch, weil sie dem Individuum, dem Kunstwerk oder dem Song anlastet, was die Gesellschaft nicht auf die Reihe bekommt. Der Verzicht von Privilegierten auf bestimmte Kleidung, Themen, Wörter, Haarschnitte und Gerichte wird an den tatsächlichen Benachteiligungen von Minderheiten rein gar nichts ändern. Die Musikindustrie wird auch nach dem 100. Cultural-Appropriation-Vorwurf nicht anfangen, armen, aber genialen schwarzen Bluesmusikern Schecks auszustellen und sie mit den Einnahmen aus Rolling-Stones-Alben zu verrechnen.

Irgendwas läuft schief, denkt man, wenn man die Blockwarte eifern sieht. Der Diskurs um kulturelle Aneignung sollte bislang nicht gehörte Stimmen hörbar machen und Menschen Gelegenheit geben, neue Perspektiven einzunehmen. Davon hätten alle etwas. Stattdessen geht es nur darum, wer was nicht darf und wer wie privilegiert ist. Das macht etwas mit uns. Nachdem die Künste mal als eine moralisch ambivalente, der Vernunft und den Nützlichkeiten enthobene Frontier des Bewusstseins galten, sollen sie nun Probleme lösen. Nicht der Gefällt-mir-Daumen, der ausgestreckte Zeigefinger wird einmal das Symbol dieses Jahrzehnts sein.

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