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Neues Album von Haftbefehl : Der Chef von allen

  • -Aktualisiert am

Hipster lieben ihn: Haftbefehl alias Aykut Anhan Bild: Tim Wegner/laif

Woran liegt es, dass ein deutscher Rapper namens Haftbefehl der Held aller anständigen und sinnsuchenden Mittelschichtskinder wurde: Ist diese Musik einfach nur krass - oder ist sie schön, wahr und poetisch?

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          Extrem unwahrscheinliche Situation eigentlich: Ein junger Mann (Jahrgang 1986), dessen kurdischer Vater aus Armut von der Türkei nach Deutschland floh, um hier ein besseres Leben zu führen, sitzt heute (teure Lederjacke, Uhr, Schuhe, alles teuer) an einem Glastisch in der Universal-Chefetage und beantwortet dieser Zeitung Fragen. Außerdem dabei: ein ziemlicher Koffer, Kollege des Mannes, um den es hier gehen wird, und eine Art Manager, der jenem Mann im Laufe des Gespräches immer mal wieder Aussagen soufflieren wird, die er für angemessen hält, und zwar dann, wenn der Rapper Haftbefehl (der Mann) etwas von sich gegeben hat, was der Managertyp für unangemessen hält.

          Zurück zum Unwahrscheinlichen: Der Vater von Haftbefehl, der mit bürgerlichem Namen Aykut Anhan heißt, fand in Deutschland kein Glück. Er hatte Probleme mit dem Glücksspiel, mit Drogen und wurde depressiv, jedenfalls nahm er sich das Leben, als Anhan 14 Jahre alt war. Die Familie lebte in Offenbach in einer Gegend, die für die Entwicklung eines Jugendlichen eher schlecht ist, zumindest, wenn er das werden soll, was man ein „wertvolles Mitglied“ dieser Gesellschaft nennt, was bedeutet, dass man arbeitet und keine kriminellen Sachen macht. Nun war aber Anhans Umfeld damals voller Menschen, die in jener Mitgliedslogik überhaupt nicht wertvoll sind. Anhan verkaufte Drogen, entging einem Haftbefehl (daher der Künstlername), indem er nach Istanbul und Amsterdam floh, und fing irgendwo unterwegs an, wie ein Wahnsinniger zu rappen und Texte zu schreiben.

          Und heute also Universal, Interview-Slots, Versace, ganz oben. Grundsätzlich wäre die Wahrscheinlichkeit höher gewesen, dass eine wie ich einem wie Anhan beim Kaufen von Koks begegnet (vielleicht auch eine der wahrscheinlichsten Kontaktmöglichkeiten zwischen kriminellen Ausländern und Bundestagsabgeordneten), als bei einem Interview über seine neueste Platte.

          Es wird Crack gekocht

          „Russisch Roulette“ heißt sie und ist sein viertes, absolut großartiges Album, und es ist natürlich verständlich, dass Sie gerade die Augen verdrehen und denken, meine Güte, schon wieder so ein Migrant, der es geschafft hat, indem er Rapper wurde, mir doch egal. Und dennoch muss man anerkennen, dass für Deutschland immer noch folgende Formel gilt: Arabisches/türkisches/kurdisches Elternhaus plus wenig Geld plus mehrheitlich türkisches/arabisches/kurdisches Umfeld = wenig Chancen, nach oben zu kommen, und das ist gleichbedeutend damit, wenig Chancen zu haben, gehört zu werden (von Ihnen, den Lesern, von Germany). Genauso unwahrscheinlich ist es also, jene Geschichten, die Haftbefehl aus dem Drogen- und Rotlichtmilieu zu erzählen hat, zu hören, und es müsste eigentlich noch viel unwahrscheinlicher sein, dass junge Menschen, die tagsüber zur Uni gehen, die Supreme-Pullover, komische Bärte und Vintage-Kleider tragen (Anhan: „Auf meinem letzten Konzert in Berlin waren übelst viele Hipster!“), dass jene soziale Gruppe wie verrückt auf Anhans Musik abfährt, wo sie doch nicht im Entferntesten etwas mit der Realität, die Anhan beschreibt, zu tun hat. Bei genauerer Betrachtung ist es das jedoch überhaupt nicht.

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          Kurze Sound- und Musikbeschreibung: Der Hiphop auf „Russisch Roulette“ hört sich an wie eine Mischung aus New York und Miami. Und auch wenn Anhan das nicht gefällt, weil er inzwischen seinen ganz eigenen Stil habe, sagt er, erinnert seine Art des Storytelling an Notorious B.I.G., der es so hervorragend beherrschte, Crime-Geschichten zu erzählen, dass man dachte und immer noch denkt, man sehe einen Mafiafilm, wenn man seine Lieder hört. Anhan ist es gelungen, dieses Genre ins Deutsche zu übersetzen. Seine Texte sind voller Referenzen zu „Scarface“ („Hat Tony nicht gesagt, werd niemals high von deinem Zeug?“), „Der Pate“ und bekannten Mafia-Persönlichkeiten („Hafti Gotti zwingt Sinatra viel zu singen“).

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