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Vietnam-Krieg und Popkultur : Pardon wird nicht gegeben

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Musik ist die beste Medizin: das Navy-Trio The Westwinds auf dem Schiff „Iwo Jima” im Oktober 1966 Bild: The Bear Family

Einen schrecklichen Preis gezahlt: Eine CD-Box dokumentiert die Resonanz, die der Vietnam-Krieg in der amerikanischen Popkultur gefunden hat. Das Protestmilieu war den Patrioten musikalisch überlegen.

          Die Radios verbannten den Anti-Vietnam-Song „The Draft Dodger Rag“ von Phil Ochs aus ihren Listen, das FBI beschattete den Liedermacher kontinuierlich, rechte Organisationen wie die John Birch Society forderten gar Konzertverbote für „subversive“ Künstler wie ihn. Das Mainstream-Amerika reagierte gereizt: Die gesungene Aufforderung, sich der Wehrpflicht zu entziehen, sollte nicht noch mehr amerikanische Jugendliche mit einem Virus infizieren, der laut Vizepräsident Spiro Agnew von einem „Zoo von Brandstiftern, Panthers, Hippies und Yippies“ verbreitet wurde und „das Land zu zerreißen“ drohte.

          Nichtsdestotrotz entwickelte sich „The Draft Dodger Rag“ zu einem auf dem College-Campus viel gesungenen Untergrund-Hit, neben Country Joe & The Fishs „I-Feel-Like-I’m-Fixin-To-Die-Rag“, Bob Dylans „Masters Of War“ oder „Saigon Bride“ von Joan Baez – Songs, die den tiefen Graben zwischen liberalen Studenten und dem von einem patriotischen Krieg überzeugten Establishment illustrierten und die gleichzeitig ein Novum in der Geschichte darstellten: Vietnam war wohl der erste Krieg, der begleitend in den Schützengräben der Popkultur ausgefochten wurde. Musikalisch geschossen wurde dabei von beiden Seiten – hier eher untermalt von Folk-, Rock- und Soulklängen, dort meistens im Kontext von Countrymusik.

          „No Vietcong ever called me nigger“

          Mehr als dreihundert dieser Songs haben nun die Archivare von Bear Family Records in einer Box zusammengetragen: „Next Stop Is Vietnam – The War On Record: 1961 – 2008“. Die dreizehn CDs und das reich illustrierte Begleitbuch machen noch einmal klar, welche tiefen Wunden der Vietnam-Krieg in Amerika hinterließ – und vor allem, welchen symbolischen Stellenwert er im Kampf um die Selbstdefinition des Landes spielte: Waren nun die Kriegsbefürworter oder die Gegner die besseren Patrioten? Welche Aufgabe hatte Amerika in der Welt zu erfüllen? Und welche Opfer rechtfertigte ein Konflikt, den Muhammad Ali mit der spitzen Bemerkung „no Vietcong ever called me nigger“ zum fortdauernden Rassismus vor der eigenen Haustür in Bezug setzte?

          Der Song „Master of Wars” dokumentierte den Graben zum Establishment: Bob Dylan, hier in einer Aufnahme aus dem Jahr 1965

          So fanden sich denn in der Koalition der Kriegsgegner neben den studentischen Liedermachern und Hippies, den Underground-Rockern und Vertretern der Gegenkultur auch viele Soulsänger: Edwin Starr etwa mit seiner Antikriegs-hymne „War“, Freda Payne, die „Bring The Boys Home“ forderte, oder auch Marvin Gaye, der von den Berichten seines in Vietnam kämpfenden Bruders Frankie zu einem seiner stärksten Songs inspiriert wurde: „What’s Going On“.

          Das schwarze Amerika kommt zu kurz

          Hier liegt der einzige Schwachpunkt der mit zahlreichen politischen Essays und historischen Bildern ausstaffierten Box: Das schwarze Amerika kommt in höchstens einem Dutzend Songs zu Gehör. Dabei hatte sich Martin Luther King Jr. das Thema auf seine Fahnen geschrieben, solidarisierte sich die Bürgerrechtsbewegung mit den Kriegsgegnern, ergriffen selbst Gospelbands wie die Staple Singers oder die Rance Allen Group eindeutig Partei.

          Was die Herausgeber Bill Keesing und Bill Geerhart allerdings an Tondokumenten aufspürten, ist immer noch beeindruckend: Da kommen zwischendurch CBS-Reporter auf dem Kriegsschauplatz zu Wort, sind Präsidentenreden, militärische Statements, Feldaufnahmen von GIs und auch die Erklärung eines Demonstranten, der seinen Einzugsbescheid verbrennt, zu hören.

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