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Revolution im Rap : Verdrängen lesbische Rapperinnen die Hip-Hop-Machos?

  • -Aktualisiert am

Schwule Bitch? Princess Nokia bei einem Auftritt im Juli in Lissabon. Bild: EPA

Ja, es rappen weiter Männer mit taudicken Goldketten über „Schwuchteln“, „Bitches“ und so weiter – aber sie prägen und verändern den Hip-Hop heute kaum mehr. Eher sind sie es, die verändert werden.

          So groß ist Hiphop geworden, von so vielen gemacht und mittlerweile von so vielen gehört, dass eigentlich alles über ihn irgendwie stimmt. Linksextrem ist er und dann wieder rechtsnational, politisch und apolitisch, Teenager- und Erwachsenenmusik, irgendwas von stumpf bis superschlau; für all jene, die Hiphop kritisch von außen beäugen vor allem aber meist: frauenverachtend, gewaltverherrlichend und homophob. Männlichkeitsmusik. Testosteron-Sound.

          Wie alle Klischees stimmt auch dieses so sehr, wie es nicht stimmt: Ja, es rappen weiter Männer mit taudicken Goldketten am Berggorillanacken über „Schwuchteln“, „Bitches“ und so weiter – aber diese Protagonisten prägen und verändern Hiphop heute kaum mehr; eher sind sie es, die verändert werden. Zum Beispiel von den schwulen Bitches: Denn was in Rap-Songs oft noch immer eine Opferrolle garantiert – das Vorliegen der Eigenschaft „weiblich“ oder „nicht heterosexuell“ –, verbindet jene jungen Rapperinnen, die sich nun mit dem und im Hiphop Gehör verschaffen und damit einem auch schon mehr als vierzig Jahre alten Genre geben, was es dringend braucht: Neuheit, Spannung, Überraschung, Ambivalenz. Kunst also.

          Ausmaß an Arroganz und Aggressivität

          Noch passiert das vor allem in den Vereinigten Staaten. Als Begründerinnen gelten die New Yorker Rapperinnen Angel Haze und Azealia Banks, die beide im Jahr 2012 kleinere (Haze) und größere (Banks) Hits landeten. Die Hymne queeren Raps aber schrieb 2016 die bisexuelle Princess Nokia. Mit „Tomboy“ erreichte die damals 24-Jährige jenes Ausmaß an Arroganz und Aggressivität, das auch Gangstarap im besten Fall grandios macht, bloß wandten sich Princess Nokias Lines nicht gegen die Schwächen anderer, sondern, scheinbar, gegen ihre eigenen. „With my litte titties and my fat belly“, rappte sie, nur um sofort klarzumachen, dass ihre kleinen Brüste und der Wabbelbauch ganz sicher nicht ihr Problem seien: „I could take your man if you finna let me / It’s a guarantee that he won’t forget me / My body little, my soul is heavy“.

          Im Baggy-Pullover und in Schlabber-Unterwäsche übernahm Princess Nokia im „Tomboy“-Video mit ihren Freundinnen all die Spielfelder, von deren Rändern aus Frauen so oft den darauf spielenden Männern zugeschaut haben oder zuschauen mussten, den Basketballcourt und das Fußballfeld und die Skateanlage. Dass einen bei Princess Nokia nie das unangenehme Pflichtbewusstheit überkommt, sie auf jeden Fall gut finden zu müssen, weil alles, wofür sie steht – Gleichberechtigung, freie Sexualität, Selbstermächtigung –, so vorbildlich richtig ist, liegt nur daran, dass sie, von den Videos über ihre Outfits bis zur Musik, selbst alles richtig macht, mit Stil.

          Sie hat den „Smart Girl Club“ gegründet und veröffentlicht einen Podcast über modernen Feminismus; vor allem aber zeigt sie mit ihren Liedern, was rauskommen kann, wenn sich jemand frei fühlt. Princess Nokia hat diverse Genres durchwandert: Vom Soul- Song über eine Sommerliebe („Apple Pie“) und eine Art Stammesmusik („Brujas“) ist sie nun wieder ganz am Anfang gelandet, beim Emo-Rock („Your Eyes Are Bleeding“). Denn bevor Princess Nokia Rapperin wurde, trat sie als Gothic-Teenie verkleidet in New Yorker Clubs auf, eine Zeit, in der sie auch das queere Nachtleben kennenlernte. Weil sie sich weigert, sich festzulegen, in ihrer Musik und in ihrer Sexualität, kann Princess Nokia immer wieder überraschen – und Überraschung ist es, die Hiphop zurzeit ein bisschen fehlt.

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