https://www.faz.net/-gqz-9ds4x

Revolution im Rap : Verdrängen lesbische Rapperinnen die Hip-Hop-Machos?

  • -Aktualisiert am

Princess Nokia schrieb queerem Rap die Hymne, Young M.A den Hit. „Ooouuu“ ist ein Partysong, auf dem Young M.A so lustig wie ignorant rappt, was viele vor ihr gerappt haben und sich, pardon, kurz so beschreiben lässt: Komm, Schlampe. „You call her Stephanie? / I call her Headphanie.“ Es irritiert vielleicht gar nicht so sehr, dass solche Zeilen, die bisher nur aus harten Machomündern kamen, nun von einer Frau kommen, sondern eher, wie diese Frau sie präsentiert: Young M.As Stimme ist tief, ihr Körper trainiert und volltätowiert.

Ihr Erscheinen irritiert. Wuchs da ein lesbisches Mädchen in Brooklyn so symbiotisch mit Hiphop auf, dass es die Ignoranz seiner Helden übernahm, vielleicht auch den Sexismus? Will Young M.A zeigen, dass der gleiche Song von einem Rapper und einer Rapperin noch immer völlig Unterschiedliches auslöst? Ist es Emanzipation, wenn im Hiphop nun auch Frauen Frauen als Schlampen bezeichnen? Keine Ahnung. Aber genau die Ambivalenz, das Uneindeutige, Rätselhafte, Geheimnisvolle macht Young M.A, wie Princess Nokia, interessant. Sie eint, dass viele ihrer Lieder auf etwas dringen – die Gleichberechtigung aller Geschlechter, die Anerkennung unterschiedlichen Begehrens –, aber nicht auf diese Nerv-Art von Soziologiestudenten, sondern mit der Eindringlichkeit jener, die aufs Maul bekommen haben und kämpfen mussten für ihre Sexualität.

Kraft und Energie haben zwar auch Straßenrap, Gangstarap, harter Rap, wie immer man ihn nennen will, aber 2018 gleicht er mittlerweile ein bisschen einem sehr trainierten muskulösen Oberarm eines Eisenbiegers aus dem nächsten Gym: Eigentlich ist er funktionslos. Ohne Aufgabe. In ihm steckt enorme Energie, aber ihm fehlt das Ziel. Und weil sie nichts wollen, sind Gangstarap und muskulöse Oberarme 2018 so ein bisschen egal.

Während Princess Nokia und Young M.A manchmal sehr zu Aktivistinnen werden, könnte es 070 Shake als erste bekennend lesbische Rapperin zum Superstar bringen. Sie rappt zwar auch dauernd über ihre Sexualität, aber mit Allgemeingültigkeit, so dass es weniger um Homosexualität geht als um Liebe und den damit verbundenen Krampf. Aufgewachsen in North Bergen, einer von Latinos dominierten Kleinstadt im Norden New Jerseys, der Vater weg, das Viertel von Gangs kontrolliert, durchlief 070 Shake die klassische Hiphop-Kindheit. Die Schule langweilte, sie schrieb lieber Gedichte. Irgendwann sprach sie die über Beats, Kanye West hörte den Song und nahm 070 Shake unter Vertrag.

„Glitter“ heißt ihr kürzlich erschienenes Major- Debüt. Sechs Songs formen zusammen eines der Wunderwerke, für die sich die Erfindung des Internets schon gelohnt hat, wie sollte man sonst erfahren, was eine 21-Jährige in New Jersey am Schlafen hindert? „Every time you blink, every time you blink / The darkness is around / Roaming through the streets, lonely as can be.“ Man versteht, warum 070 Shake Alicia Keys ihr Vorbild nennt. Ihr Singsang-Rap hat Pathos, ihre Stimme Gefühl, nicht das Überwältigungspathos von Stadionpop, es ist genau die richtige Dosis.

Das Wunder ist eigentlich, dass 070 Shake, Young M.A und Princess Nokia den großen Durchbruch noch nicht geschafft haben. Sie beweisen, dass Hiphop längst nicht mehr vor allem Männlichkeitsmusik ist, frauenverachtend und homophob. Und zugleich schon – denn sonst müssten schon viel mehr mitbekommen haben, dass es nicht mehr so ist.

Weitere Themen

Wie hässlich darf Außenpolitik sein?

TV-Kritik: Anne Will : Wie hässlich darf Außenpolitik sein?

Der Feldzug der Türkei gegen die Kurden stellt die Welt vor vollendete Tatsachen. Das außenpolitische Establishment des Westens ist entsetzt. Was sind die Folgen? Was wäre zu tun, und durch wen?

Topmeldungen

Erst im Februar wurden die neuen Straßenschilder aufgehängt.

Nordmazedonien und die EU : „Der Erweiterungsprozess ist klinisch tot“

Für mögliche Beitrittsgespräche mit der EU hat Mazedonien sich in Nordmazedonien umbenannt. Nun wird daraus vorerst nichts. Im Interview spricht der ehemalige Außenminister Antonio Milošoski darüber, ob es einen Weg zurück gibt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.