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Van Morrison in Düsseldorf : Wir stehen betroffen, alle Herzen offen

  • -Aktualisiert am

Unterhaltung ist eine ernste Sache, da ist Konzentration gefragt: Das weiß Van Morrison seit bald fünfzig Jahren Bild: Schoepal, Edgar

Unerschütterlich vertraut Van Morrison auf die Schablonen, die ihm der Rhythm & Blues, Soul, Rock, Folk und Jazz bereithalten. Und doch ist es bewegend, den Leibhaftigen zu hören.

          4 Min.

          Ehrlich gesagt, war man ohne große Erwartungen nach Düsseldorf gefahren. Wieso sollte man sich die gepflegte Langeweile, die Van Morrison auf seinem neuen, demnächst herauskommenden Album verbreitet, auch noch live antun? Irgend so ein Gemisch aus Blues, Jazz, Soul, Folk und Gospel würde es schon wieder sein, dachte man, und dass die Philipshalle neuerdings Mitsubishi Electric Halle heißt, steigerte die Vorfreude auch nicht unbedingt, passte aber insofern ins Bild, als Van Morrison sich, wenn man richtig hört, nun zum ersten Mal dazu herablässt, auf den Zeitgeist zu reagieren und auf der neuen Platte allen Ernstes „If in Money We Trust“ zu singen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch wenn es bei dieser Stimme egal ist, was sie singt - man will so etwas doch lieber nicht hören von jemandem, dessen Musik eine einzige unzeitgemäße Betrachtung und deswegen eben auch zeitlos gut ist. Das ist „Born To Sing“ als Ganzes natürlich trotzdem wieder geworden, Morrisons erstes Studioalbum nach viereinhalb Jahren. Auch wenn man das unnötige, die Magie seiner ersten Warner-Platte von 1968 beschädigende Album „Astral Weeks: Live at the Hollywood Bowl“ mitrechnet, ist dies die längste Sendepause überhaupt; selbst sein Jazz-Folk-Kammerspiel „Veedon Fleece“ (1974), mit dem er den gewaltigen Fluss seiner frühen Arbeiten langsam, wie ersterbend, versiegen ließ und das Kritikern heute als eines seiner besten Alben gilt, hielt nicht so lange vor.

          Aufreizend lustlos, mürrisch sowieso

          “No Plan B“: Der Untertitel der neuen Platte, mit der er seine Zusammenarbeit mit dem Jazz-Label Blue Note erneuert, weist ihn als Zwangscharakter aus - was sollte dieser Mann jemals anderes tun als zu singen? Freilich nicht einfach bloß so zu singen, sondern seinen Körper zum finessenreichen Hallraum menschlicher Empfindungen zu machen, wie dies außer ihm und mit dieser Konstanz, man könnte auch sagen: Halsstarrigkeit kaum einem anderen gelungen ist.

          Die Alternativlosigkeit gilt auch stilistisch: Unerschütterlich vertraut Van Morrison auf die Schablonen, die ihm der Rhythm & Blues, Soul, Rock, Folk und Jazz entweder bereithalten beziehungsweise die er dann ja selbst daraus geformt hat, um in sie etwas sehr Persönliches einzupassen. Die Vertrautheit der immer gleichen Muster, die, bei allem Respekt, absolute Überraschungsfreiheit zumindest der vergangenen fünfundzwanzig Jahre macht ihn so anschlussfähig.

          So auch in Düsseldorf. Ein kleiner dicker Mann betritt, das Alt-Saxophon schon um den Hals, die Bühne; dem wartenden Septett aus Mitmusikern ist auch von weitem die Konzentration, wenn nicht Anspannung an den Gesichtern abzulesen - der Meister ist bekannt dafür, dass er Patzer nicht schätzt -, und los geht’s mit „Brown Eyed Girl“, das von allen stürmisch erkannt wird, aber trotzdem nicht so richtig in Fahrt kommt. Morrison wirkt, wie so oft am Anfang von Konzerten, fast aufreizend lustlos, mürrisch sowieso; vielleicht liegt es auch am Notenblatt, auf das er beim Blasen die ganze Zeit starrt, dabei müsste er das Lied eigentlich kennen, denn es ist sein erster Solohit aus dem Jahr 1967.

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