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Ukrainische Rockmusik : Russland-Demontage mit anderen Mitteln

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Punkkonzert als Heimatabend: Serhij Zhadan beendet seine Deutschland-Tour in Köln Bild: Archiv

Melodisch, patriotisch, hochpolitisch – so sieht ukrainischer Rock aus. Beim Abschluss der Deutschlandtournee Serhij Zhadans kam in Köln eine Mischung aus Volksfest und Protest-Party auf.

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          „Es wird heute keine Literatur mehr geben“, versichert der Schriftsteller Serhij Zhadan dem Publikum zu Beginn seines letzten Konzerts in Deutschland. Eigentlich hatte es sie aber auch kurz zuvor, bei der Podiumsdiskussion mit Navid Kermani, nicht gegeben. Hier hatte größtenteils Zhadan geredet, hauptsächlich über ukrainische Politik. Das Konzert ist dann die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Wo Zhadans verfeinerte literarische Texte oft absichtlich untertreiben, brauchen seine Lieder, wie es sich im Punk gehört, nichts vor- oder herunterzuspielen.

          „Kämpfe für sie“ heißt das dritte Album von Serhij Zhadan und Sobaky w Kosmosy (Hunde im Weltall). Wer „sie“ ist, muss nach den vergangenen Monaten, nicht erklärt werden. Der preisgekrönte Autor, dessen Werke auch auf Deutsch erscheinen, war ein aktiver Teilnehmer der Maidan-Bewegung. Im März dieses Jahres wurde er während eines Protests in Charkiw, seiner Stadt, krankenhausreif geschlagen.

          Ein Hauch Folklore im Punk-Konzert

          Kurz vor dem Konzert in Köln war in Charkiw das Lenin-Denkmal auf dem Freiheitsplatz demontiert worden – dasselbe, das Zhadan noch im Februar zusammen mit Freunden selbst abzureißen versucht hatte. Eine Nachricht aus der Heimat, die die Stimmung in die Höhe treibt – denn im  Kölner Stadtgarten haben sich hauptsächlich Zhadans Landesleute versammelt. Das sieht man auch daran, dass statt des für Punk-Konzerte üblichen schwarzen T-Shirts die Wyschywanka dominiert, das für die Ukraine typische gestrickte Hemd. Besonders beeindruckend ist eine junge Frau namens Oksana, die in eigenwilliger Tracht erschienen ist: Eine teuer aussehende Wyschywanka als Minikleid getragen, dazu ein bebänderter Blumenkranz im offenen Haar.

          Ein kleines Stück Heimat

          Zhadans Musik ist eine Mischung aus einprägsamen Refrains, rauhen Gitarren und Einflüssen, die von den Red Hot Chilli Peppers über sowjetischen Rock bis zur Volksmusik reichen. In der Diskussion vor dem Konzert hatte er noch ein wenig schüchtern gewirkt, aber sobald die ersten Akkorde laut werden, hat seinen Körper jede Unsicherheit verlassen. Er beherrscht die Bühne mit seiner starken Stimme und seinen klaren Bewegungen, sein Geist scheint überall anwesend.

          Fast vergisst man, dass der ohnehin kleine Raum nicht mal voll ist. Großzügig geschätzt sind etwa hundert Menschen anwesend, aber Zhadan benimmt sich, als ob er vor einer vollen Arena stünde. Das Publikum braucht allerdings noch eine Weile, um aufzutauen. Vor der Bühne bildet sich zweitweilig ein leerer Halbkreis, getanzt wird allenfalls in sicherer Entfernung. Nur ein junger blonder Mann in Wyschywanka versucht am linken Rand der Bühne, die Leere mit seinem Headbanging zu füllen.

          Konzert mit vielen Umarmungen und steigendem Energielevel: Serhij Zhadan in Köln

          Erst nach der Hälfte des Konzerts lässt das Publikum los. Der Raum vor der Bühne wird gefüllt, die Energie steigt. In der intimen Atmosphäre, in der sich alle direkt ins Gesicht schauen können und die meisten sich vermutlich politisch einig sind, wird die Show zu einer privaten Party. Zhadan springt mehrmals von der Bühne herunter, tanzt, umarmt das begeisterte Publikum. Sogar einen Crowdsurfing-Versuch gibt es, er scheitert aber, es sind einfach nicht genug Träger da.

          Politisch engagierte junge Ukrainer sind nicht die Punks der Sex Pistols. Sie lieben ihr Land und ihre Smartphones. Einerseits machen sie sich zusammen mit Zhadan im Song „Instagram“ über den Account von Hennady Kernes lustig, Charkiws Bürgermeister, andererseits stellen sie ich kurz darauf selbst mit dem Handy vor die Bühne und machen ein Selfie mit der Band im Hintergrund. Bei dem ersten Schnappschuss dieser Art entfernt sich Zhadan noch bewusst aus dem Bildrahmen. Beim dritten macht er schon mit, umarmt lächelnde Mädchen und schaut direkt ins Smartphone hinein.

          Zhadans Konzert ist politische Aktion und gesellschaftliches Ereignis zugleich. Junge ausgewanderte Ukrainer nehmen solche Veranstaltungen zum Anlass, sich ein kleines Stück Heimat aufzubauen. Hier können sie zusammen über den Krieg trauern, hier können sie sich gegenseitig mit Hoffnung erfüllen. Als die Zugabe verklungen ist und das Licht angeht, umarmen sie sich in einem großen Kreis und singen zusammen die ukrainische Nationalhymne. Danach greifen sie zum Mikrofon und singen im Chor ein äußerst populäres, von einer Fußball-Skandierung inspiriertes Spottlied auf Putin.

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